Absturz weckt Zweifel an Flugzeugtyp

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Überreste der verunglückten Boeing am Absturzort rund 60 Kilometer südlich von Addis Abbeba: Der Flugzeugtyp rückt in den Fokus
Überreste der verunglückten Boeing am Absturzort rund 60 Kilometer südlich von Addis Abbeba: Der Flugzeugtyp rückt in den Fokus – und bekommt Flugverbot in einigen Ländern. (Foto: afp)
Deutsche Presse-Agentur

Der Absturz der nagelneuen Boeing 737 Max 8 in Äthiopien mit 157 Toten verunsichert Passagiere, Airlines und Aufsichtsbehörden. In der Welt der Luftfahrt gibt es besorgte Fragen: Denn die tut sich traditionell schwer damit, an Zufälle zu glauben. Wenn zwei fast neue Maschinen des gleichen Flugzeugtyps in kurzen Abständen in vergleichbarer Fluglage abstürzen, schrillen die Alarmglocken. Chinas Luftfahrtbehörde CAAC verhängte nach dem Absturz der der Ethiopian-Airlines-Maschine vorsorglich ein Startverbot für Flieger des Typs Boeing 737 Max 8. Sie begründete das mit Parallelen zum Absturz einer solchen Maschine der Lion Air im Oktober 2018 in Indonesien mit 189 Toten.

In kaum einer anderen Branche wird das Thema Sicherheit höher gewichtet als im Luftverkehr. „Safety first lautet der Grundgedanke der Luftfahrt“, sagt Jan-Arwed Richter vom Hamburger Flugsicherheitsbüro Jacdec („Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre“). Auch wenn so kurz nach dem Unglück eine Einschätzung nur spekulativ sein kann, meint der Unfallforscher: „Angesichts von mehr als 350 Toten innerhalb von vier Monaten mit dem gleichen Flugzeugtyp ist es aus meiner Sicht überfällig, jetzt schnellstens genaueste Erkenntnisse darüber zu bekommen, ob es an der Technik gelegen hat.“

Das sehen die Luftfahrtbehörden in China und Indonesien ähnlich, sie erteilten dem Flugzeugtyp vorerst ein Flugverbot. Auch die Fluggesellschaften Ethiopian, Mongolian und Royal Air Maroc lassen ihre Max-Maschinen am Boden. US-Fluglinien wie United und Southwest wollen ihre Jets hingegen weiter starten lassen – ebenso der norwegische Billigflieger Norwegian, der bisher größte Max-Betreiber in Europa. Entscheidungen der Behörden in den wichtigen Regionen USA und Europa stehen noch aus. Die Vereinigung Cockpit hält Flugverbote für übertrieben. Es gebe noch keinen Beleg, dass es ein ähnliches Problem wie beim Absturz der indonesischen Maschine gegeben haben könnte, sagt ein Sprecher der Pilotengewerkschaft.

Der US-Konzern Boeing erklärte am Montag, es gebe nach bisherigem Kenntnisstand keine Grundlage für neue Anweisungen an die Betreiber des Flugzeugtyps. „Sicherheit ist unsere oberste Priorität“, teilte Boeing mit. An der Börse lösten die Nachrichten einen Kursrutsch aus. Zum Handelsstart in New York war die Boeing-Aktie zeitweise um knapp 13,5 Prozent gefallen. Das bedeutete laut der Nachrichtenagentur Bloomberg den größten Tagesverlust im Handelsverlauf seit den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001. Zuletzt notierten die Papiere noch mehr als acht Prozent im Minus bei 388,06 US-Dollar.

In Deutschland sind noch keine Flugzeuge vom Typ der Unglücksmaschine im Einsatz. „Gegenwärtig werden keine Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max 8 in den Flotten unserer Mitgliedsairlines betrieben“, sagte Nils Wigger, Pressereferent des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums sagte, nach jetzigem Kenntnisstand hätten die deutschen Unternehmen keine Boeing 737 Max 8 im gewerblichen Flugbetrieb.

Ab Mitte April bei Tuifly im Einsatz

Der weltgrößte Reisekonzern Tui prüft noch, was zu tun ist. Zu seiner Flotte gehören bereits 15 Jets dieses Typs, die in Großbritannien und den Benelux-Staaten im Einsatz sind. Bei der deutschen Tochter Tuifly steht die Einführung Mitte April an. „Wir haben nur positive Erfahrungen gemacht und keinerlei technische Auffälligkeiten festgestellt“, sagt Pressesprecher Aage Dünhaupt. Es hätten bereits mehr als 6500 Flüge mit den Flugzeugen vom Typ Boeing 737 Max 8 stattgefunden. Man stehe im engen Austausch mit Boeing.

Die Fluggesellschaft SunExpress Deutschland hat nach eigenen Angaben ebenfalls Jets des Typs Boeing 737 Max 8 bestellt. „Die Auslieferung der ersten fünf Flugzeuge erfolgt nach letztem Planungsstand im Sommer 2019. Wir sind im stetigen Dialog mit Boeing. Falls es ein Update zu unserer 737-Flottenplanung gibt, werden wir dies offiziell bekanntgeben“, heißt es in einem schriftlichen Statement.

Für den weltgrößten Flugzeugbauer Boeing ist die seit dem Jahr 2017 ausgelieferte 737-Max-Reihe der Verkaufsschlager schlechthin. Sie ist eine Weiterentwicklung des seit Mitte der 1960er-Jahre gebauten Mittelstreckenjets 737, dem meistproduzierten Verkehrsflugzeug der Welt. Die 737 gilt als extrem zuverlässig.

Bei den Max-Versionen wurden – analog zum Konkurrenten Airbus mit seinem Modell A320neo – vor allem sparsamere und größere Triebwerke unter den Tragflächen angebracht. Sie ragen bei Boeing aber weiter als bei anderen Versionen nach vorn und erschweren den Piloten in bestimmten Fluglagen die Kontrolle über die Maschine. Daher wurde eine Steuerungssoftware angepasst – sie greift nun stärker in das Geschehen ein. Seit dem Lion-Air-Unglück steht sie in Verdacht, zumindest ein Teil der Unglückskette gewesen zu sein. Ob es auch diesmal so war, soll die Auswertung der gefundenen Blackbox ergeben.

Bei den Vereinten Nationen in New York wurde am Montag eine Schweigeminute für die Opfer eingelegt. 21 der 157 Todesopfer des Flugzeugabsturzes waren nach Angaben der Weltorganisation UN-Mitarbeiter. Nach UN-Angaben waren viele von ihnen auf dem Weg zur UN-Umweltversammlung in Nairobi. Auf dem Weg zu dem Treffen war auch der 51-jährige deutsche Pfarrer Norman Tendis, wie der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) mitteilte. Er ist eines von fünf deutschen Todesopfern.

Ein Grieche verpasste in letzter Minute den Einstieg in das Flugzeug, das am Sonntag kurz nach dem Start in Addis Abeba verunglückt war. „Ein Freund sagte mir, ich soll es als eine zweite Lebenschance sehen“, sagte Antonis Mavropoulos dem griechischen Nachrichtensender Skai am Montag. Seine Rettung verdankt er nach seinen Worten einer verspäteten Ankunft am Flughafen von Addis Abeba und der Tatsache, dass ein Flugbegleiter, der ihn zum Flugzeug führen sollte, zu spät kam.

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