20 Anklagen nach Brückendrama von Genua

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 Reste der eingestürzten Brücke in Genua: Nun geht die Staatsanwaltschaft gegen 20 Personen vor.
Reste der eingestürzten Brücke in Genua: Nun geht die Staatsanwaltschaft gegen 20 Personen vor. (Foto: dpa)

Die Atmosphäre war entspannt und voller Hoffnung. Freitagvormittag präsentierte der international bekannte Genueser Stararchitekt Renzo Piano, in Anwesenheit des Regionalpräsidenten von Ligurien und des Bürgermeisters von Genua, seinen Entwurf für eine neue Brücke. Pianos Entwurf sieht eine klassische Autobahnbrücke vor, die auf vertikalen Stehlen steht. Doch sie wird sich von anderen Brücken durch 43 große Laternen abheben, die sich, ebenfalls vertikal, von der Höhe der Fahrbahn aus gut sichtbar in die Höhe recken werden. Jede Laterne soll an eines der Opfer der Katastrophe vom vergangenen 14. August erinnern, als ein zentrales Stück des so genannten Ponte Morandi einstürzte, der 1967 eingeweiht wurde.

Mit dem Bau der neuen Brücke, der rund ein Jahr dauern soll, soll sobald wie möglich begonnen werden. Wenn, die restliche Brücke, wie erwartet, im Herbst abgerissen wird.

Derweil laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf Hochtouren. Am Donnerstagabend wurden 20 Ermittlungsbescheide ausgestellt. 20 Personen erfuhren auf diese Weise, dass gegen sie unter anderem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird. Mit einem Prozess wird noch im Herbst gerechnet.

Den 20 Angeklagten wird vorgeworfen, sämtliche Hinweise auf Gefahren für die Brücke entweder ignoriert oder unterschätzt zu haben. Den Staatsanwälten Massimo Terrile und Walter Cotugno zufolge seien die in den vergangenen Jahren von Ingenieuren verschiedener Universitäten erstellten Hinweise auf Gefahren für die Brücke so stichhaltig gewesen, dass den Verantwortlichen hätte klar sein müssen, dass sofort etwas unternommen werden muss, um einen Teil- oder auch Gesamteinsturz des Ponte Morandi zu verhindern. Warum auf diese Hinweise nicht reagiert wurde, ist derzeit noch unklar. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Verantwortlichen im Ministerium wie in der staatlichen Kontrollstelle geschmiert wurden, um die für die Autobahngesellschaft kostspieligen Instandhaltungsarbeiten nicht anzuordnen. Dazu äußern sich die Staatsanwälte allerdings nicht öffentlich.

Weitere Klagen nicht ausgeschlossen

Angeklagt sind unter anderem Giovanni Castellucci, oberster Chef der Autobahngesellschaft, Mario Bergamo, bei der Autobahngesellschaft für die Instandhaltung der Autobahnen zuständig, Massimo Meliani, verantwortlich für die Kontrolle der Autobahnbrücken. Angeklagt sind auch sämtliche Führungskräfte der Kontrollstelle für öffentliche Bauten sowie hohe Beamte im Transportministerium.

Die Staatsanwaltschaft Genua erklärte, dass die Zahl der Angeklagten jederzeit steigen könnte. Ob auch gegen den amtierenden und gegen den vorherigen Transportminister ermittelt werde, gaben die Ermittler nicht bekannt. Tatsache ist, dass 140 durch das Brückendrama betroffene Genueser Bürger ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung Klage gegen Unbekannt eingereicht haben. „Es ist nicht ausgeschlossen“, erklärte am Freitag Untersuchungsrichterin Angela Nutini, „dass wir in den nächsten Wochen weitere Ermittlungsbescheide verschicken werden“.

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