10. Todestag von Ohnsorg-Star Heidi Kabel

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Deutsche Presse-Agentur
Carola Große-Wilde

Wer Heidi Kabel (1914-2010) in Hamburg begegnen möchte, kann das heute immer noch tun: Vor dem neuen Ohnsorg-Theater, direkt hinter dem Hamburger Hauptbahnhof und neben dem Deutschen Schauspielhaus, begrüßt der unvergessene Star die Besucher der niederdeutschen Bühne als lebensgroße Bronzestatue.

Im Winter bekommt die Figur manchmal einen Schal geschenkt, in Corona-Zeiten auch mal eine Maske. An ihrem 10. Todestag am 15. Juni erinnert das Ohnsorg-Theater auf seinen Social-Media-Kanälen mit einem Film an die beliebte Volksschauspielerin, in dem Weggefährten und Nachwachsende zu Wort kommen. Auch der NDR zeigt im Fernsehen Sonderprogramme mit und über Heidi Kabel.

„Als Heidi Kabel 1932 als 18-jährige Deern an die Pforten des Ohnsorg-Theaters klopfte, konnte noch niemand ahnen, welch einzigartige Karriere hier ihren Ursprung nahm“, sagt Michael Lang, Intendant des Theaters, der Deutschen Presse-Agentur. „Ich erlebte sie in all unseren Begegnungen als sehr professionell, nie wehleidig, immer warmherzig, fürsorglich und uneitel.“

In die Geschichte des Ohnsorg-Theaters eingegangen sei sicherlich auch die enorme Disziplin von Heidi Kabel. „Selbst am Todestag ihres Mannes ließ sie die Vorstellung nicht ausfallen, obwohl jeder Verständnis dafür gehabt hätte: Man könne die Leute ja nicht wieder nach Hause schicken wegen einer privaten Angelegenheit - so sah es Heidi Kabel.“

In mehr als 65 Jahren stand die Schauspielerin in über 160 plattdeutschen Stücken auf der Bühne, spielte tratschsüchtige Nachbarsfrauen, keifende Hausdrachen, bauernschlaue Mütter und schrullige Alte. Sie überzeugte mit Mutterwitz und Menschenkenntnis in allen großen Frauenrollen des deutschen Volkstheaters und machte das Plattdeutsche weit über den Norden hinaus bekannt. „Es gibt für mich nichts Schöneres, als mein Publikum zum Lachen, zum Nachdenken und zum Weinen zu bringen“, sagte sie selbst einmal.

Geboren wurde Heidi Kabel am 27. August 1914 als Tochter einer gutbürgerlichen hanseatischen Kaufmannsfamilie direkt gegenüber dem früheren Ohnsorg-Theater. Als 18-Jährige begleitete sie eine Freundin zum Vorsprechen an die „Niederdeutsche Bühne“, die Richard Ohnsorg 1902 gegründet hatte - und wurde selbst engagiert. Dabei hatte ihre Mutter ihr noch hinterhergerufen: „Heidi, du nicht!“. 1937 heiratete sie den Regisseur Hans Mahler, der 1948 zum Leiter des Ohnsorg-Theaters berufen wurde, und bekam drei Kinder: die Söhne Jan-Rasmus und Heiko und die Tochter Heidi, die auch Schauspielerin wurde und heute die berühmten Rollen ihrer Mutter spielt.

In ganz Deutschland bekannt wurde Heidi Kabel in den 1950er Jahren, als das Fernsehen am Samstagabend die Aufführungen aus dem Ohnsorg-Theater ausstrahlte - mit Einschaltquoten bis zu 80 Prozent. Bald gehörte sie neben dem Kölner Willy Millowitsch zu den beliebtesten Schauspielern des volkstümlichen Theaters. Und glänzte in Stücken wie „Tratsch im Treppenhaus“, wo sie 1962 die klatschsüchtige Nachbarin Meta Boldt spielte, „Die Kartenlegerin“ und „Mudder Mews“. Im Kinofilm „Hände weg von Mississippi“ von Detlev Buck stand sie 2007 mit 92 Jahren ein letztes Mal vor der Kamera.

„Heidi Kabel wirkte auf der Bühne wie im Leben sehr ehrlich, nahbar und wahrhaftig“, sagt Lang. Er erinnere sich noch genau an eine Unterhaltung in der Künstlergarderobe, als sie auf den Auftritt in einer Talksendung wartete. „Sie erzählte mir, dass sie sich ein wenig darüber ärgere, dass das Fernsehen immer nur die lustigen Stücke aus dem Ohnsorg-Theater aufzeichnen würde, obwohl das Theater eine deutlich breitere Palette zeigen würde.“

Auch heute sei der Spielplan im Ohnsorg sehr breit aufgestellt: Neben dem volkstümlichen Lustspiel stehen auch moderne Komödien, dramatische Stoffe der Weltliteratur und zeitgenössische Stücke auf dem Spielplan.

© dpa-infocom, dpa:200614-99-417276/5

Ohnsorg-Theater

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