Zwei Kurzopern am Theater St. Gallen

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 Szene aus Strawinskys „Nachtigall“: Im Fiebertraum erscheint dem Kaiser (David Maze, li.) der Tod (Ieva Prudnikovaite).
Szene aus Strawinskys „Nachtigall“: Im Fiebertraum erscheint dem Kaiser (David Maze, li.) der Tod (Ieva Prudnikovaite). (Foto: Iko Freese)
Werner M. Grimmel

Einen Doppelabend mit zwei russischen Märchenopern hat der junge Regisseur Dirk Schmeding jetzt am Theater St. Gallen inszeniert. Nikolai Rimsky-Korsakows Einakter „Der unsterbliche Kaschtschej“ und Igor Strawinskys Kurzoper „Die Nachtigall“ sind beide zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Modestas Pitrenas stellt als neuer Chefdirigent des St. Galler Orchesters seine Vertrautheit mit diesem Repertoire eindrucksvoll unter Beweis. Bei der Premiere gab es viel Beifall für alle Mitwirkenden.

Rimsky-Korsakows „Kaschtschej“ wurde 1902 in Moskau aus der Taufe gehoben. Das vom Komponisten selbst verfasste Libretto basiert auf einem russischen Volksmärchen. Strawinsky hat seine „Nachtigall“ nach intensivem Kompositionsunterricht bei Rimsky-Korsakow in dessen Todesjahr 1908 begonnen. Der Text von Stepan Mitoussow orientiert sich an Hans Christian Andersens gleichnamigem Kunstmärchen. Nach Unterbrechungen durch andere Arbeiten konnte Strawinsky die Partitur für ihre Pariser Uraufführung erst 1914 fertigstellen.

Bei Rimsky-Korsakow ist Kaschtschej ein böser Zauberer, der seine Seele in den Tränen seiner Tochter verschlossen hat. Solange sie nicht weint, kann er nicht sterben. Als frigide, aber unerhört attraktive Frau ist sie unfähig zu Mitleid und wahrer Liebe. Sobald Männer ihrer Verführungskunst verfallen, schlägt sie ihnen den Kopf ab.

Plot weckt viele Assoziationen

Der Plot weckt vielerlei Assoziationen an andere Opernstoffe von „Tannhäuser“ und „Turandot“ über „Salome“ bis zu „Herzog Blaubart“. Schmedings Inszenierung erzählt die Geschichte in der Art eines computeranimierten Fantasy-Films. Martina Segnas Bühne entführt in galaktische Weiten. Kaschtschej residiert hier als gruselige Science-Fiction-Gestalt mit Nadelstacheln am Kopf, blauem Mantel und knorrigem Zauberstock auf einem fernen Asteroiden (Kostüme: Frank Lichtenberg). Seine Tochter lebt als blonde Domina mit Lackkorsett zwischen fleischfressenden Pflanzen. Wie ein Rieseninsekt wartet sie auf Männerbeute.

Verglichen mit dieser atmosphärisch gelungenen Deutung überzeugt die szenische Umsetzung von Strawinskys „Nachtigall“ weniger. Den Fischer zu Beginn ersetzt hier ein obdachloser Wanderer, der mit Greifzange Abfälle aus schwarzen Müllsäcken „fischt“. Ein großer Bildschirm zeigt dazu Werbung einer Hightech-Firma (Video: Johannes Kulz).

Es dauert eine Weile, bis man kapiert, dass der Kaiser von China eine Art Steve Jobs ist, der ein armes, mit Papiernachtigall spielendes Kind für Präsentationszwecke missbraucht. Virtual-Reality-Brillen machen eine künstliche Nachtigall sichtbar und gleichzeitig blind für die Realität. Dem todkranken Kaiser kann das so wenig helfen wie die modernen Apparate, an die er von Weißkitteln angeschlossen wird. Fieberträume zeigen ihm den Tod im Kostüm von Kaschtschejs Tochter – ein Rückbezug auf den ersten Teil das Abends, der nicht ganz einleuchten will.

Vom gesamten Ensemble wird hervorragend gesungen. Allen voran die Hauptdarsteller Riccardo Botta als Kaschtschej sowie Ieva Prudnikovaite als Tochter und Tod. Und Modestas Pitrenas lässt Rimsky-Korsakows als auch Strawinskys Musik in all ihrer üppigen Farbenpracht leuchten.

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