Zum Tod von Toni Morrison

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 Toni Morrison 1931 - 2019.
Toni Morrison 1931 - 2019. (Foto: dpa)
Wolf Scheller

Rund ein halbes Jahrhundert lang hat Toni Morrison den Rassismus in den USA angeklagt. 1993 wurde sie als erste Afroamerikanerin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Morrison wurde zu einer der weltweit wichtigsten Schriftstellerinnen der Geschichte der USA und zum „Gewissen Amerikas“, ihre Werke verkauften sich millionenfach. Am Montagabend ist Toni Morrison im Alter von 88 Jahren in New York gestorben.

Als Toni Morrison als erster farbigen Schriftstellerin 1993 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, löste die Entscheidung allgemein Überraschung aus. Die Schwedische Akademie ihrerseits sprach von „visionärer Kraft und poetischer Prägnanz“. Die damals 62-Jährige habe mit ihrem Werk eine „wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt“.

In den folgenden Jahren wuchs ihr Werk auf elf Romane an, darunter die vielleicht bekanntesten „Menschenkind“ und „Paradies“ – und zuletzt „Gott, hilf dem Kind“.

Eigentlich hatte sie spät mit dem Schreiben begonnen. Sie war 39 Jahre alt und arbeitete als Lektorin bei Random House, als sie ihren ersten Roman „Sehr blaue Augen“ veröffentlichte. Es folgten „Jazz“, „Solomons Lied“, „Sula“ und „Teerbaby“, insgesamt eine Geschichte des schwarzen Amerikas aus der Sicht der Sklaven und ihrer Nachfahren, ihren Verletzungen und Demütigungen. I

mmer wieder tauchte sie dabei in die Vergangenheit ein, kehrte zurück in die Zeit, als junge Mädchen noch verkauft wurden. So in dem Roman „Gnade“, der vom Schicksal einer jungen Sklavin erzählt, die im Haus eines portugiesischen „Senhor“ aufwächst, der ihr erlaubt, Lesen und Schreiben zu lernen, wegen seiner Schulden aber das Mädchen weiterverkauft.

Im Zentrum von all ihren Büchern steht eindeutig der Rassismus. Toni Morrison stammte selbst aus einer ärmlichen Familie in einem kleinen Ort in Ohio, der in den 1930er-Jahren von der Stahlindustrie lebte. In ihrer Klasse war sie das einzige Kind, das bei der Einschulung schon lesen konnte. Damals hieß sie noch Cloe Wofford. Sie absolvierte die Highschool und arbeitete nach dem Studium jahrelang als Lektorin in einem New Yorker Verlag und zog noch zwei Söhne alleine groß. 1989 wurde Toni Morrison als Professorin an die Princeton-Universität in New Jersey berufen. 2010 musste sie den Krebstod eines ihrer Söhne beklagen: „So etwas kann man nicht hinter sich bringen. Nicht mit einem Kind. Ein Kind soll einen begraben.“

Als Schriftstellerin war ihr klar, dass sie nicht einfach eine amerikanische Autorin werden konnte, sondern „a black woman writer“. Bei ihrem Schreiben ging es ihr auch darum, die Stärken einer schwarzen Identität zu entdecken. Ihre Romane konzentrierten sich folgerichtig auf Schicksale jenseits der offiziellen, „der weißen“ amerikanischen Geschichte. Amerika habe stets den Gedächtnisverlust vorgezogen, meinte sie. Kein Selbstmitleid, aber das Beharren auf einer eigenen Geschichte der Schwarzen – das trieb sie an, was auch dazu führte, dass Toni Morrison als die wichtigste Stimme des schwarzen Amerikas angesehen wurde. In ihren Romanen gelang es ihr immer wieder über die historischen Distanzen hinweg das elementar Menschliche herauszuarbeiten, Verschollenes zurückzuholen.

Sie selbst sah sich nicht als Amerikanerin, sondern als Afroamerikanerin , als Autorin, die sich früh dafür entschieden hatte, sich an niemanden zu richten. Ihr Standpunkt war da eindeutig: „Wenn ich nur für Schwarze geschrieben hätte, wäre das so gewesen, als wenn Tolstoi nur für russische Leser geschrieben hätte.“ Sätze der moralischen Empörung über die Auswirkungen der Sklaverei auf afroamerikanische Menschen in den USA lassen sich in ihrem Werk nicht finden. Toni Morrison vertraute darauf, dass die einfache Darstellung genüge, um den weißen Amerikanern klar zu machen, woher der Reichtum einiger von ihnen stamme: auf religiösem Fanatismus und der Versklavung der schwarzen Bevölkerung. „Was Menschen außerhalb Amerikas an diesem Land mögen, entstammt in der Regel der schwarzen Kultur.“

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