Zum Tod des Regisseurs Franco Zeffirelli

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Deutsche Presse-Agentur
Agence France-Presse
Carola Frentzen und Lena Klimkeit

Kaum ein anderer Regisseur hat die italienische Oper so opulent und glanzvoll in Szene gesetzt wie Franco Zeffirelli. „Zu viel war ihm noch nie genug“, wurde einst über ihn geschrieben. Einen einfachen Charakter hatte er nicht, er war undiplomatisch und eigenwillig, manchmal radikal in seinen Ansichten und zornig auf alles, was ihm nicht ins Konzept passte. „Ich war immer schon ein zynischer, alter Wolf“, bekannte er einmal. Zeffirelli war homosexuell, trat als gläubiger Katholik aber gegen die Anerkennung homosexueller Paare ein. In späteren Jahren wandte er sich der Politik zu. Von 1994 bis 2001 saß er für Berlusconis Forza Italia im italienischen Oberhaus.

Am Samstag ist Zeffirelli, der sich zeitlebens gern als kettenrauchender Dandy gab, nach langer Krankheit im Alter von 96 Jahren gestorben. Die Vorstellung des Ablebens, plötzlich nicht mehr Teil dieser Erde zu sein, mache Angst, sagte er im Januar 2018 kurz vor seinem 95. Geburtstag.

Zeffirelli arbeitete mit den ganz Großen des Fachs, von Riccardo Muti über Joan Sutherland bis Luciano Pavarotti. Aber auch im Kino konnte der gebürtige Florentiner Erfolge feiern und dafür Weltstars wie Liz Taylor und Richard Burton verpflichten.

Obwohl seine ganz großen Würfe schon ein paar Jahrzehnte zurückliegen, gelangen ihm auch im Alter noch überraschende Projekte, wie etwa „Callas Forever“ (2002). Der Film mit Fanny Ardant in der Hauptrolle erregte auch deshalb Aufsehen, weil Zeffirelli darauf beharrte, dass er nicht beim renommierten Festival von Venedig gezeigt werden dürfe. „Mein Film passt nicht nach Venedig, da werden ja nur iranische und indische Filme gezeigt“, meinte er polemisch.

Zuvor war ihm bereits mit „Tee mit Mussolini“ (1999) etwas Neues gelungen. Nicht nur konnte er weibliche Superstars wie Cher, Maggie Smith und Judi Dench verpflichten, er schwelgte auch plötzlich in Erinnerungen an sein eigenes Leben, an seine Kindheit und seine Jugend in Florenz. „Eine Mischung aus Verschämtheit und Nostalgie“, nannte Zeffirelli das.

Den entscheidenden Anstoß für die Laufbahn bei Theater und Film hatte Luchino Visconti (1906-1976) gegeben, der ihn nach dem Zweiten Weltkrieg zu seinem Assistenten und Liebhaber machte. Die Beziehung zu Visconti war stürmisch und endete mit einer schmerzhaften Trennung, läutete aber Zeffirellis künstlerische Karriere ein. Gemeinsam mit Salvador Dalí schuf er die Kulissen für eine Shakespeare-Inszenierung. 1953 führte er erstmals an der Mailänder Scala Regie. „In Italien funktionieren nur drei Institutionen: der Vatikan, die Mafia und die Scala in Mailand“, sagte er später. 1959 inszenierte er im Londoner Covent Garden, 1964 an der Met in New York. Immer wieder waren es Shakespeare-Stücke.

1966 verfilmte er Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Trotz der Top-Stars winkten viele Kritiker ab. „Kein Film, von dem man lange sprechen wird, dazu fehlt es ihm an Originalität und Entdeckerfreude“, hieß es.

Mut zum Pathos

Ganz anders „Romeo und Julia“. Die beiden Hauptdarsteller der Liebestragödie waren zwei 16 und 17 Jahre alte Unbekannte, der Film konventionell und ohne modischen Schnick-Schnack, Padua mit seinen Kirchen und Palästen wurde in Farben nach Art des Tizian getaucht. „Mut zum Pathos, Mut zum Gefühl“, schrieb ein deutscher Kritiker damals.

„Ich bin kein Mystiker, ich bin ein Pragmatiker“, sagte Zeffirelli einmal über sich. Religion und Ideologie seien seine Sache nicht. Aber das sollte sich ändern: Nach einem schweren Autounfall im Jahr 1969, bei dem der italienische Filmstar Gina Lollobrigida am Steuer saß, fand er zu tiefer Frömmigkeit und zog entsprechend gegen die „Sexwelle“ im italienischen Kino zu Felde.

Das dekadent-lebenslustige Rom der Dolce-Vita-Ära nannte er „in Sachen Kultur ein schmutziges, unverschämtes, papistisches Dorf“. 1973 drehte er den Franz-von-Assisi-Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“. 1977 kam sein „Jesus von Nazareth“ in die Kinos mit Stars wie Robert Powell in der Titelrolle, Anne Bancroft, Claudia Cardinale, James Mason, Anthony Quinn und Peter Ustinov.

Erst im April 2016 bestätigten dann Experten eine Vermutung, die schon lange über Zeffirellis Abstammung kursierte: Der Maestro war tatsächlich ein Nachfahre des Universalgenies Leonardo da Vinci (1452-1519). In den Fokus rückte er noch mal im Zuge der #MeToo-Debatte, in der ihn der US-amerikanische Schauspieler Johnathon Schaech mit schweren Vorwürfen konfrontierte. Die Behauptungen seien nicht wahr, teilte der Adoptivsohn Giuseppe Corsi mit.

Der Wolf, „immer ungehorsam und nie linientreu“, war alt geworden. Der Welt hinterlässt er ein großes Erbe: Opulent und prächtig ist es, schön und kunstvoll – so wie das Italien, von dem Zeffirelli träumte.

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