„Zulieferer für Hitlers Krieg“: Studie über Continental-Konzern im Nationalsozialismus

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 Bei Continental ging es in der Kriegswirtschaft darum, ein Fertigungsverfahren für Reifen aus dem Kautschuk-Ersatzstoff Buna zu
Bei Continental ging es in der Kriegswirtschaft darum, ein Fertigungsverfahren für Reifen aus dem Kautschuk-Ersatzstoff Buna zu finden, den die IG-Farben produzierte. Buna war weniger elastisch. Für Flugzeuge mussten diese Reifen höheren Geschwindigkeiten, größerem Gewicht und harten Stößen beim Aufsetzen standhalten. (Foto: Continental-Archiv)
Reinhold Mann

Paul Erker: Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit. De Gruyter 2020. 867 Seiten. 49,95 Euro.

„Zulieferer für Hitlers Krieg“: Ein beeindruckender Band, den der Münchner Wirtschaftshistoriker Paul Erker hier vorlegt, nicht nur wegen eines Umfangs von fast 900 Seiten. „Biografien“ von einzelnen Unternehmen, die neben Gründung, Aufstieg und Erfolg auch die Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten, gibt es in inzwischen viele.

Aber dieses Buch ist weit mehr. Es ist die Geschichte einer Branche, eine vergleichende Beschreibung von fünf Unternehmen der Zulieferindustrie, allen voran des Continental-Konzerns. Auch die anderen, Phönix, Semperit, VDO und Teves, die heute von Continental übernommen sind, kennen wir als Zulieferer der Automobilindustrie. In der NS-Zeit richteten sie ihre Produktentwicklung und Produktivität auch auf die Flugzeugindustrie aus. Sie waren das „Rückgrat der nationalsozialistischen Rüstungswirtschaft“.

Der Continental-Vorstand hat die NS-Machtergreifung mit Euphorie begrüßt.

Der erste Satz in Erkers Buch

Erker beschreibt Continental als den Musterfall. Als der heutige Konzern vorab Erkers Untersuchung in einer Pressekonferenz präsentierte, konnte man noch den Eindruck bekommen, als sei das Unternehmen nicht gerade ein Opfer, aber vielleicht doch ein Objekt der nationalsozialistischen Machtübernahme gewesen. Im Buch jedoch lautet der erste Satz zur Firmengeschichte: „Der Continental-Vorstand hat die NS-Machtergreifung mit Euphorie begrüßt“. Der Konzern war stolz, ein nationalsozialistischer „Musterbetrieb“ zu sein, ein „arisches Unternehmen mit nationalsozialistischer Betriebsgemeinschaft“ und „judenfreiem Vorstand“ samt „Leistungs- und Führerprinzip“, wie zum 1. Mai 1933 die hauseigene „Gummi-Zeitung“ vermeldete.

Gesamte Führungsebene trat in die NSDAP ein

Generaldirektor Willy Tischbein, der in den Zwanzigerjahren eine Kooperation mit dem amerikanischen Reifenhersteller Goodrich einging, um die eigene Produktion fertigungstechnisch voranzutreiben, war es gelungen, mit Fusionen einen marktbeherrschenden „Gummi-Trust“ auszubauen. Er veranlasste seine Vorstandskollegen und die gesamte Führungsebene zum Eintritt in die NSDAP. Es gab Spenden an die Partei, Betriebsaufwendungen zur Politikförderung und staatspolitische Feiern. Und die erfolgsorientierten höheren und mittleren Angestellten traten gerne in Organisationen wie die Motorstaffeln von SA oder SS ein.

Das ist ein Befund, der exakt den statistischen Untersuchungen entspricht, die der Politologe Jürgen W. Falter in einem neuen Buch über „Hitlers Parteigenossen“ vorstellt: Zielgruppe und Zeitpunkt stimmen überein. Und die Strategie des Generaldirektors, unternehmerisch auf Hitler zuzugehen, bestätigt wieder einmal jene Formel des Hitler-Biografen Ian Kershaw, die er einer Aktennotiz entnahm: „Wir müssen dem Führer entgegenarbeiten“.

Viele Themen, die Erker im Blick hat, haben das Potential zur Verallgemeinerung. Sie könnten soziologische oder wirtschaftstheoretische Thesen illustrieren. Erker verzichtet aber darauf, seiner dichten Beschreibung noch eine Theorie-Ebene mitzugeben. Sie stellt sich gleichsam von selbst ein: Denn Continental existierte in der NS-Zeit unter den Ausnahmebedingungen der Kriegswirtschaft.

Das System des deutschen „Staatskapitalismus“ war Lenins Ideengeber

Auch deren Institutionen werden hier aufgeführt: die zahlreichen „Reichsstellen“ zur Koordination der Industriezweige, die staatlichen Zeit- und Mengenvorgaben, die Jahrespläne, die Zuteilungen von Material und Menschen. Erker veranschaulicht so das System des deutschen „Staatskapitalismus“ der Kriegswirtschaft, das Lenin schon während des Ersten Weltkriegs von der Schweiz aus bewundert und zum Vorbild für sein Konzept einer sozialistischen Wirtschaft gewählt hatte.

Mit diesem System kommen auch die Gast-, Fremd- und Zwangsarbeiter außergewöhnlich differenziert in den Blick, was die Formen der Behandlung und Bezahlung betrifft. Von den propagandistisch gefeierten, aber handwerklich unbegabten „Jung-Faschisten“ aus Italien, den freiwillig zugewanderten, den angeworbenen, vom Arbeitsamt zugewiesenen oder von Leihfirmen vermittelten Arbeitskräften bis hin zu den Kriegsgefangenen, die nach Herkunft sortiert wurden, mit den Sowjetrussen auf der untersten Stufe.

Ein eigenes Kapitel widmet Erker der „ökonomischen Instrumentalisierung der Konzentrationslager“ durch die SS in den späteren Jahren. Das wurde schon in der Pressekonferenz eingehend vorgestellt. Continental profitierte dadurch, dass es seine Materialprüfung „outsourcen“ konnte. Ein „Schuhläuferkommando“ von 170 KZ-Insassen hatte eine „Schuhprüfstrecke“ von anfangs 32, dann 48 Kilometern täglich zu absolvieren, um die Tragedauer von Sohlen und Absätzen aus der Gummiersatz-Produktion zu testen.

Was dieses Buch zudem auszeichnet, ist seine umfangreiche Quellenbasis. Es beruht nicht nur darauf, dass man einem Historiker huldvoll das Firmenarchiv öffnet. Schließlich gibt es immer noch genügend Unternehmen, die sich, wie Erker schreibt, vor ihrer Vergangenheit „wegducken“. Wie man der „Süddeutschen Zeitung“ gerade entnehmen konnte, hält die Hertie-Stiftung einen Bericht über die NS-Zeit unter Verschluss.

Erker hat mehr Materialien aufgetan, als sie Continental selbst bekannt waren. Davon profitiert gerade die Darstellung von Nachkriegszeit und Entnazifizierung, vom Drängen der Vorstände, als völlig unbelastet reingewaschen zu werden. Sogar die beliebte Mitläufer-Kategorie wurde als Kränkung empfunden.

Vollständige Entlastung wurde als "Entnazifizierungskomödie" wahrgenommen

Auch da ist Continental ein Musterfall. Vorstand Fritz Könecke erstritt sich vor Gericht die vollständige Entlastung, auch wenn der Prozess in Hannover, also am Firmensitz, als „Entnazifizierungskomödie“ wahrgenommen wurde. Könecke wechselte dann das Unternehmen. 1950 trat er in den Vorstand des Reifen-Konkurrenten Phönix in Hamburg ein, 1952 in den von Daimler Benz. Da hilft es, dass Erker das ein oder andere Glückwunschtelegramm von Nazi-Größen aus früheren Zeiten zitieren kann.

Das Buch beeindruckt nicht nur mit seiner offenkundig immensen Recherche-Leistung, die eine vergleichende Einordnung der vorgelegten Ergebnisse ermöglicht. Was Erker hier bei Continental über die Zwangsarbeit oder die Kooperation mit der Wirtschaft des besetzten Frankreichs offenlegt, darüber ist aus anderen Wirtschaftszweigen, beispielsweise der Elektro-Industrie, noch wenig bekannt.

Und zuletzt muss man diesem Buch auch besondere Qualitäten der Darstellung attestieren. Erker entfaltet eine Fülle von Themen, er behält die Fäden in der Hand und fügt sie zu einer grandiosen Abrundung zusammen. Er beschreibt, wie Continental in den 1920er-Jahren nach Spanien expandierte, dann in der Zeit des Nationalsozialismus Werke in Kärnten und Posen errichtete, Kooperationen mit verbündeten oder neutralen Ländern von Italien bis Skandinavien aufbaute und sich über Beratungsverträge die Industrie von Frankreich, Holland und Belgien nutzbar machte.

Und endet damit, dass sich „der virtuelle Konzern von einst“ in der Zeit von 1979 bis 2007 als „Zuliefergigant“ neu formierte. All die früheren, in den Nachkriegsjahren selbstständig gewordenen Unternehmen kamen wieder zusammen. Damit schließt sich der Kreis einer „gemeinsamen Geschichte, die die Unternehmen miteinander in der NS-Zeit gehabt hatten“.

Paul Erker: Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit. De Gruyter 2020. 867 Seiten. 49,95 Euro.

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