Zukunft des Kinos: Welche Filme wollen wir?

Lesedauer: 11 Min
 Die Förderung von Filmen ist eine komplexe Angelegenheit: Gefördert werden nicht nur Arthouse-Filme wie Christian Petzolds „Und
Die Förderung von Filmen ist eine komplexe Angelegenheit: Gefördert werden nicht nur Arthouse-Filme wie Christian Petzolds „Undine“ mit Paula Beer. Fördermittel erhalten auch Kassenerfolge wie „Fack Ju Göhte“. (Foto: Piffl Medien/dpa)
Rüdiger Suchsland

In Europa gibt es so gut wie keine Filme, die ohne Förderung entstehen. Sowohl künstlerische Autorenfilme, als auch die kommerzielle Massenware wie zum Beispiel „Fack ju Göhte“ oder „Kokowääh“ von Til Schweiger werden mit Filmförderung finanziert – also de facto: subventioniert.

„Filmproduktion ist ein sehr bewegliches Geschäft“, sagt Monika Grütters (CDU), seit 2013 in der Bundesregierung „Beauftragte für Kultur und Medien“ (BKM), eine Art inoffizielle Kulturministerin und als solche auch für Filmförderung zuständig.

Nur Filme auf Englisch sind leicht exportierbar. Ein deutscher Film könnte auf dem Weltmarkt ökonomisch nie bestehen. Im deutschen Sprachraum allein kann man das Geld, das ein Film kostet, nicht wieder verdienen. Und der zweite Grund für Filmförderung ist: Film ist teuer und ein riskantes Geschäft. Keine Bank würde einer Filmproduktion einen Kredit geben. Denn beim immateriellen Gut eines Kunstwerks fehlt die Sicherheit. Förderprogramme und ihre Förderbanken füllen diese Lücke. Es ist politischer Wille, den Amerikanern das Feld nicht allein zu überlassen und auch nicht den Franzosen. Die begreifen Film nämlich als Kunst und messen ihm einen hohen Stellenwert zu.

Heute möchte man also Filme, die in deutscher Sprache gedreht werden, und die etwas von Deutschland erzählen. Regisseure wie Christian Petzold, Maren Ade oder Fatih Akin sind auch international erfolgreich und helfen der deutschen Szene dabei, gewissermaßen Filmmedaillen zu gewinnen. Im Idealfall springt sogar ein Oscar heraus. Dies hat dann auch wirtschaftliche Effekte. Einkäufer kaufen und investieren in zukünftige Projekte; andere bekommen Lust, in Deutschland oder zumindest mit Deutschen zu drehen.

Diese wirtschaftliche Überlegung ist die zweite der beiden Säulen der deutschen Filmförderung. In Sonntagsreden der Förderer steht zwar die hehre Kunst im Zentrum. In Hintergrundgesprächen oder in den Sitzungen, bei denen ein Filmprojekt von den Fördergremien genehmigt oder abgelehnt wird, geht es um die wirtschaftlichen Chancen eines Films. Und nicht zuletzt um Standortpolitik.

Deshalb werden auch die genannten rein kommerziellen Filme gefördert. Denn eigentlich könnten sich diese wirtschaftlich selbst tragen. Tatsächlich geht es in der Logik der Filmförderer aber auch um das Geld, das an einem bestimmten Standort, also in Deutschland ausgegeben wird und die Filmindustrie in allen Bereichen vom Tonstudio über den Schnitt bis zur Requisite am Leben hält. Damit macht die Filmförderung Filme auch teurer, als sie sein müssten. Würde man Filme möglichst billig drehen wollen, müsste man das in der Slowakei oder in Bulgarien tun. Das Geld würde dann aber komplett aus Deutschland abfließen.

Insofern ist Filmpolitik gleichzeitig Kulturpolitik und Wirtschaftspolitik, die von Protektionismus und Subventionen geprägt ist. Die Balance zwischen diesen beiden Säulen ist eines der schwierigsten Elemente in der hochkomplizierten deutschen Filmförderlandschaft.

Dieser Zweiklang blockiert zugleich die offene Debatte um den Elefant im Raum: die Ungleichheit der Mittel. 445 Millionen Euro gab die Bundesrepublik 2019 pro Jahr an Filmförderung aus. Von diesen 445 Millionen Euro sind nur 28 Millionen, also keine 10 Prozent, „Kulturelle Filmförderung“, die nicht an wirtschaftlichen Erfolg geknüpft ist. Hier erkennt man die erste Schieflage. Woher soll die Filmkunst also kommen, wenn man sie sich nicht leisten will?

Die zweite Schieflage: Für Entwicklung, also das Denken, Recherchieren, für die Freiheit zum Irrtum, wird kaum etwas ausgegeben. Nur 125 Millionen der 445 sind automatisiert. Das heißt de facto: Bei drei Viertel aller Gelder sind die Macher auf die Gunst von Gremien angewiesen.

Die Frage ist also: Welche Filme wollen wir? Und welche wollen wir nicht? Ist „Fack ju Göhte“ Kultur?

In anderen Ländern funktioniert Filmförderung ganz anders. In Europa besonders erfolgreich sind Frankreich, Dänemark und Österreich. Was machen sie anders?

Zunächst einmal gibt es Quoten für EU-Kino und es fließt einfach viel mehr Fördergeld in alle Bereiche des Kinos. Über eine Milliarde. In Großbritannien ist sie sogar noch höher, aber neoliberaler organisiert. Kino ist hier auch ganz wörtlich gemeint. Es bedeutet nicht verkapptes Fernsehen. In Frankreich gibt es zwei filmfreie Tage im Fernsehen: Um den Kinobesuch anzukurbeln. Der ist am besten in Dänemark: Über acht Mal geht jeder Däne pro Jahr ins Kino, jeder Franzose gut viermal, die Deutschen nur 1,4-mal. In Dänemark ist außerdem der ständige Personalwechsel institutionalisiert: Maximal sechs Jahre lang darf dort ein Förderer auf seinem Pöstchen sitzen. Sie alle sind Fachleute aus Produktionsfirmen oder Sendeanstalten. Dass eine fachfremde Juristin wie die Berliner Förderchefin Kirstin Niehuus ihr Amt 20 Jahre lang unangefochten innehat, gibt es dort nicht. Wechsel ist zwar kein Selbstzweck, aber Innovation und ein frischer Blick tun auch den Filmen gut.

In Österreich zielen Gremienkriterien und Zusammensetzung klar auf künstlerische Qualität. Zudem bleibt hier das Fernsehen komplett außen vor, es ist bei öffentlich geförderten Filmen aber zum Ankauf verpflichtet.

Natürlich gibt es noch viele weitere kleine Stellschrauben, die den Unterschied machen. Gemeinsam ist aber allen diesen höchst erfolgreichen Filmländern, dass hier Film als vollwertige Kunst anerkannt und geschätzt wird. Bei dieser Filmförderung steht nicht die Wirtschaftlichkeit an erstser Stelle, sondern die Förderung von Kunst und Kultur.

Dies hat auch damit zu tun, dass Film historisch in Deutschland immer als weniger wertvolle Kunst im Vergleich zu Theater, Oper oder Literatur angesehen wird. Zudem ist Kultur bei uns föderal. Offiziell darf der Bund keine Kultur fördern. Deswegen hat fast jedes der 16 Bundesländer seine eigene Filmförderanstalt und verbindet die Vergabe von Fördergeldern dann mit der Auflage, auch in der Region zu drehen. Daraus entsteht der berüchtigte „Fördertourismus“: Deutsche Produzenten drehen einen Film, der eigentlich an einem Ort spielt, in fünf oder sechs Bundesländern. Dies tun sie nur deshalb, weil sie das Geld am jeweiligen Ort ausgeben müssen. Im Extremfall führt dies zu der skurrilen Situation, dass ein Film, der in Berlin spielt, in München gedreht wird, weil das Geld von der bayerischen Filmförderung stammt.

Hinzu kommt dann die Filmförderung des Bundes mit der Differenz zwischen Wirtschaftsförderung (Filmförderanstalt des Bundes, FFA) und Kulturförderung (Bundeskulturförderung, BKM) sowie Gelder durch die EU (Mediaprogramm und Eurimages).

Seit Einführung der deutschen Filmförderung in den 1960er-Jahren herrscht Streit. Es geht nicht nur um die Verteilung der Gelder, sondern auch um Sinn und Zweck: Sollte Filmpolitik nicht echte Kulturpolitik werden? Zumal 97 Prozent der theoretisch als rückzahlbare Darlehen gestalteten Fördergelder abgeschrieben werden, also de facto Subventionen vor allem aus Steuergeldern sind, die sich die Förderer nur ein bisschen über indirekte Rückflüsse (das vor Ort investierte Geld) schönrechnen. Und wozu muss rein kommerziellen Projekten das wirtschaftliche Risiko abgenommen werden?

Den Unterschied, der anderenorts selbstverständlich gemacht wird, den zwischen Hochkultur und Kommerz, zwischen Boulevard und Staatstheater, Oper und Musical, macht man im Filmbereich in Deutschland nicht. Darin besteht der Hauptunterschied zu anderen Ländern.

Sollte es nicht dann wenigstens Quoten für deutsche oder europäische Filme geben? Denn eine Weile wurde mit deutschen Fördergeldern vor allem US-Ware subventioniert, die man in den Studios von Berlin oder München drehte. Das „stupid german money“ wurde sprichwörtlich in der Branche.

Alle paar Jahre wird das Filmfördergesetz (FFG) novelliert. Verbände und Branchenvertreter geben dann Stellungnahmen ab meist aber ändert sich nur wenig. Von den Erfolgen anderer Länder will Deutschland aber offensichtlich nichts lernen.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen