ZDF: „Bella Germania“ – Gastarbeiter Sage mit bittersüßer Note

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Der Dreiteiler „Bella Germania“ erzählt eine dramatische deutsch-italienische Liebes- und Familiengeschichte aus der Zeit, in der viele Italiener nach Deutschland kamen, um hier zu arbeiten. Als Giulietta (Silvia Busuioc, Mitte) 1968 mit ihrem Bruder Giovanni (Denis Moschitto, 2. von rechts) in dem fremden Land eintrifft, bebt sie vor Erwartung und Hoffnung. (Foto: Walter Wehner)

Daniel Specks Bestseller „Bella Germania“ kommt als Dreiteiler im Zweiten und zeigt, verpackt in ein melodramatisches deutsch-italienisches Familienepos, die Start- und Lebensbedingungen italienischer Zuwanderer im Deutschland von den 1950-Jahren an.

„Olivenöl? – Meine Frau kocht mit Margarine. Delikatess-Margarine!“, erklärt der Münchner Kunde und stellt überheblich grinsend die Olivenölflasche im gerade eröffneten Geschäft mit italienischen Spezialitäten wieder zurück. Was man heute lächerlich findet, war im Leben der Menschen aus dem Süden vor wenigen Jahrzehnten herber Alltag: Ihre Kultur wurde als fremd, ihre Sprache als unverständlich und ihre Fröhlichkeit geradezu als verdächtig wahrgenommen. Informationen und historische Hintergründe über die Ankunft der ersten sogenannten Gastarbeiter liefert die Dokumentation nach dem ersten Teil des Dreiteilers am Sonntagabend. Eine sehenswerte Ergänzung zu dem Spielfilm von Regisseur Gregor Schnitzler.

Eine emotionale Reise

Gedreht wurde an malerischen Orten in Apulien mit seinen pittoresken Bergdörfern und kristallklaren Meeresbuchten. Immer wieder schwenkt die Kamera aber auch in das München der Gegenwart. Dort lebt die junge Heldin des Films, Modedesignerin Julia Becker (Natalia Belitski). Sie verpatzt zwar ihren ersten Auftritt bei einer großen Schau, doch danach taucht ein alter Herr bei ihr auf und konfrontiert sie mit einer unfassbaren Neuigkeit: Ihr Vater Vincenzo Marconi lebt, obwohl ihre Mutter Tanja immer behauptet hatte, er sei gestorben. Der Senior wiederum entpuppt sich als Julias Großvater Alexander Schlewitz, gut betuchter Autokonstrukteur im Ruhestand. Julia begibt sich daraufhin auf Spurensuche zwischen Sizilien, Mailand und München. Eine emotionale Reise zurück in die Vergangenheit beginnt.

Die Geschichte startet 1954 in einer Münchner Automobilfirma – BMW ist unschwer auszumachen. Dort arbeitet der junge Alexander Schlewitz, Flüchtling aus Schlesien. Er ist ein Fan der italienischen Isetta und überredet den Firmenchef, sie mit einigen Verbesserungen nachzubauen. Er brettert wegen der Vertragsvorbereitung mit dem Motorrad nach Mailand in die Iso-Werke und trifft auf die charmante Dolmetscherin Giulietta. Eine zarte, aber hindernisreiche Romanze nimmt ihren Lauf.

Wo Giulietta Deutsch gelernt hat, erfährt der Zuschauer zwar nicht. Dafür wird einfühlsam entwickelt, wie die traditionellen Lebensformen des Südens auf die freieren Gesellschaftsnormen des Nordens treffen. Als Giulietta von Alexander ein Kind erwartet, heiratet sie ihren Verlobten Enzo, um das Ansehen der Familie zu wahren. Doch nach mehr als zehnjähriger unglücklicher Ehe flieht Giulietta zu ihrem Bruder Giovanni, der vor Jahren schon nach München gegangen war. Beide eröffnen einen Feinkostladen, und Giulietta kann sich nebenbei als begabte Schneiderin verwirklichen. Sohn Vincenzo indessen macht dann das ganze Elend als verspotteter „Itaker“ oder „Spaghetti-Fresser“ durch – und erfährt außerdem, dass nicht der inzwischen nachgereiste Enzo sein Vater ist, sondern Alexander. Entwurzelt und heimatlos sucht er nach Identität und schließt sich als Student den Stadtguerillas an. Auch der 1970er-Jahre-Terror in Deutschland wird nicht ausgespart.

Es passiert also einiges in diesem Dreiteiler, der Durchhaltevermögen verlangt und mitunter auch etwas konstruiert wirkt. Doch erfreulicherweise transportiert er in vielen Szenen auch packende Zeitgeschichte. Nicht zuletzt aber gewinnt er durch die starke Darstellerriege. Da der Bogen über drei Generationen gespannt wird, mussten die Rollen mehrfach besetzt werden. Vincenzo etwa gleich viermal: Kind, Teenager, junger Erwachsener und arrivierter Mann. Kostja Ullmann legt dabei als studentischer Hitzkopf mit Herz überzeugend vor, und Stefan Kurt übernimmt souverän als gesetzter, innerlich aber noch immer nicht zur Ruhe gekommener Mann. Natalia Belitski passt perfekt in die Rolle der eher stillen, aber zielstrebigen modernen Spurensucherin Julia. Andrea Sawatzki dagegen gibt deren als Journalistin tätige, impulsive Mutter Tanja – als junge Frau dargestellt von der temperamentvollen Marleen Lohse.

Ein Hingucker aber ist vor allem Silvia Busuioc als Giulietta. Sie und Christoph Letkowski als Alexander spielen sich mit ihrer bittersüßen deutsch-italienische Romanze garantiert in die Herzen aller Empfindsamen. Und wie man auch in einer Nebenrolle punkten kann beweist Eva Mattes als gschlamperte, großherzige Vermieterin.

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