Zürich: Ballett zum Träumen

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Intensive Harmonie: Giselle (Yen Han) und Herzog Albrecht (Denis Vieira).
Intensive Harmonie: Giselle (Yen Han) und Herzog Albrecht (Denis Vieira). (Foto: Ballett Zürich)
Schwäbische Zeitung
Katharina von Glasenapp

Mit seiner Inszenierung des Balletts „Giselle“ Patrice Bart entführt das Publikum in Zürich tief in die Bilderwelt der Romantik.

Es gibt sie noch, die klassisch-romantischen Handlungsballette auf Spitzenschuhen, mit prächtigen Kostümen und Bühnenbildprospekten, mit Handbewegungen, die mehr als tausend Worte erzählen, mit Sprüngen, bei denen der Tänzer in der Luft zu stehen scheint. Eines der beliebtesten Ballette, weil es den Tanz selbst zum Thema hat, ist „Giselle“ mit der Musik von Adolphe Adam. Nun bringt es Patrice Bart, der seit Jahrzehnten als Tänzer, Choreograph und Ballettmeister mit dem Ballett der Pariser Oper verbunden ist, am Opernhaus Zürich heraus.

Seine Choreographie geht auf die ursprünglichen Pläne des 1841 uraufgeführten Balletts zurück und wirkt dennoch dank der Frische und Hingabe des Züricher Ensembles in keinem Moment verstaubt: Solisten und Ensemble wirken wunderbar zusammen, die warmen Farben der Kostüme im ersten Akt harmonieren mit der Weinberglandschaft im Hintergrund und mit der einfachen Winzerhütte, im zweiten Akt fühlt man sich mit den weißen wadenlangen Tutus der Tänzerinnen, den Nebelschwaden und dunklen Bäumen zutiefst in die Bilderwelt der Romantik versetzt.

Anmutig und phantasievoll

Die italienische Bühnen- und Kostümbildnerin Luisa Spinatelli ist mit dem Lichtgestalter Martin Gebhardt für diese zauberische Ästhetik verantwortlich. Unter der Leitung von Ermanno Florio musiziert die Philharmonia Zürich mit Wärme und schönen Instrumentalsoli.

Heinrich Heine hatte in seinem Text „Elementargeister“ von Elfensagen slawischen Ursprungs erzählt, die von den „Willis“ berichten: Es sind junge, tanzbegeisterte Bräute, die noch vor ihrer Hochzeit sterben und keine Ruhe im Grab finden. Um Mitternacht tanzen sie und zwingen vorübergehende Männer, bis zum Umfallen zu tanzen. Die französischen Librettisten schufen dazu die Geschichte des Winzermädchens Giselle und seiner unglücklichen Liebe zu einem Herzog, der sich als einfacher Bauernbursche ausgegeben hat, aber mit einer jungen Dame seines Standes verlobt ist.

In der so anmutig und phantasievoll tanzenden Yen Han hat Zürich eine wunderbare Verkörperung der Giselle: Sie zeigt das kindlich verspielte Mädchen ebenso wie die Liebende, die an dem Verrat des Herzogs zerbricht, wahnsinnig wird und stirbt. In leicht angetupften Sprüngen, Pirouetten, Fouettés und kunstvollen Arabesken, in intensiver Harmonie mit Denis Vieira als Herzog Albrecht und seinen großräumigen Sprüngen, Hebungen und seiner herrschaftlichen Ausstrahlung wird die tragische Geschichte glaubhaft erzählt. Hervorgehoben ist der virtuose Bauern-Pas-de-deux mit der lieblichen Galina Mihaylova und Arman Grigoryan, dessen Körper eine einzige Sprungfeder zu sein scheint.

Zärtliches Miteinander

Doch auch für das Corps de ballet gibt es mit den Freundinnen und der Gruppe der Winzer reichlich Gelegenheiten für geselligen Schwung. Der erste Akt mit dem zärtlichen Miteinander von Giselle und Herzog Albrecht, mit den eifersüchtigen Warnungen des Wildhüters (Filipe Portugal) und den Winzertänzen vor der überwiegend pantomimisch agierenden Adelsgesellschaft ist ein Fest in Grün- und Brauntönen, selbst zwei edle afghanische Windhunde sind mit von der Partie.

Der zweite Akt, der Auftritt der „Willis“ und ihrer Königin Myrtha (Viktorina Kapitonova in strenger, unbeugsamer Autorität, die wie an einer Schnur gezogen über die Bühne schwebt) ist ein Traum in weißem Tüll mit streng geometrischen Figuren für die zwanzig Tänzerinnen.

Wenn Giselle ihren Albrecht zu schützen sucht vor dem Fluch der Feen, entfalten Yen Han und Denis Vieira alle atemberaubende Kraft und Ausstrahlung, er tanzt expressiv, virtuos und leidenschaftlich um sein Leben und bleibt einsam und gebrochen zurück. Klassisches Ballett in Höchstform.

Weitere Vorstellungen: 4., 10., 12., 19., 23. und 26. April sowie im Mai. Karten: www.opernhaus.ch

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