Wissenschaftlerpaar Marina und Herfried Münkler beim Bodensee Business Forum

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Rüdiger Suchsland

„Der könnte einen guten Bundespräsidenten abgeben.“ Diese Bemerkung stammt von einem Techniker des Berliner Hörfunkstudios der ARD, bei dem Herfried Münkler oft als Experte zu Gast ist. Worum es auch geht: Münkler bleibt sachlich, er weiß, dass in der Ruhe die argumentative Kraft liegt. Jede Art von jenen Erregungszuständen, die öffentliche Debatten in Deutschland oft prägen, ist ihm fremd.

Zugleich scheint ihn das Krisenhafte und Chaotische des Politischen nicht nur wissenschaftlich wertneutral zu interessieren, sondern auch zu faszinieren und das gar nicht mal klammheimlich: Immer wieder geht es in den Büchern des Politikwissenschaftlers um Kriege und Gewalt. Kurz nach dem 11. September schrieb er hintereinander über „Die Neuen Kriege“ (2002), über Kriegsgeschichte, über den preußischen Kriegsphilosophen Clausewitz und über den Golfkrieg, zuletzt dann in Geschichtsbestsellern über den Ersten Weltkrieg (2014) und den Dreißigjährigen Krieg (2018). Münkler ist heute der mit Abstand führende Politikwissenschaftler der Republik, aber er ist das auch, weil beim ihm das Fach der Politologie immer schon gleichermaßen in der Philosophie und in der Geschichtsschreibung verankert ist.

Blick auf die Frühe Neuzeit

Das war von Anfang an so: Denn mit einer bald zum Standardwerk gewordenen Doktorarbeit über den Florentiner Staatsphilosophen Niccolo Machiavelli (1469-1527), der aus der Krise der Renaissance die politische Theorie der Moderne begründete, begann 1985 der akademische Ruhm von Herfried Münkler. Fast zeitgleich veröffentlichte er noch ein Buch, das scheinbar gar nichts mit dem anderen zu tun hatte. Scheinbar. Denn „Machtzerfall“ (1985) ist zwar eine engmaschige historische Studie über Münklers Heimatstadt Friedberg in den letzten Wochen des Dritten Reichs. Es ist aber auch eine prototypische Untersuchung über die Hardware der Macht, über Behörden, Institutionen und Amtsträger in dem Augenblick, in dem sich Macht verflüchtigt und in dem die neue Macht auf den Plan tritt. So begründet der Anfang von Münklers Karriere ein Feld, das er jetzt, im Alter von 68 Jahren und nach zwei Jahrzehnten an der Berliner Humboldt-Universität immer noch beackert.

Dabei hatte der 1951 geborene Sohn einer Lehrersfamilie aus Hessen zunächst Germanistik studiert. Nach dem Staatsexamen schlug er eine akademische Karriere ein; zunächst bei Iring Fetcher in Frankfurt. Dort heiratete Münkler auch 1983 seine Frau, die neun Jahre jüngere Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler. Beide haben jetzt bereits das dritte gemeinsame Buch veröffentlicht: Es begann mit einem „Lexikon“ betitelten kulturhistorischen Band über die Renaissance, die es beiden Münklers besonders angetan zu haben scheint.

Gemeinsam forschen

Zuvor war Marina Münkler mit einer Arbeit über die „Erfahrung des Fremden. Die Beschreibung Ostasiens in den Augenzeugenberichten des 13. und 14. Jahrhunderts“ promoviert worden. Aus dem gewonnenen Wissen folgte eine Monographie über Marco Polo in der populären Reihe „Beck Wissen“. Später habilitierte sie sich über den Faust-Topos vor Goethe. Die frühe Neuzeit, mit der auch ihr Ehemann begann, und zu der er immer wieder zurückfindet, ist bis heute das Fachgebiet Marina Münklers. Im „Lexikon der Renaissance“ verteidigt das Ehepaar „die Konturen der Renaissance“ als Zeit des Epochenbruchs gegen Tendenzen zu ihrer Verwischung mit dem Mittelalter.

Das zweite gemeinsame Buch, „Die neuen Deutschen“ von 2016, bietet die Diagnose der Republik im Augenblick der neuen Massenfluchten. Das neue Buch des Paares, „Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland“, knüpft daran an: Es ist eine Bestandsaufnahme, die den Sorgen der Linken wie den zynischen Niedergangsszenarien der Rechten widerspricht. Eine kräftige Dosis Optimismus in schwierigen Zeiten.

Politisch wirkten Niedergangsszenarien lähmend, weil sie „entweder in Apathie versetzen oder in hektische Aufgeregtheit“, so Herfried Münkler. Sehr wohl konstatieren die Münklers eine „polarisierte Gesellschaft“ und „Krise der liberalen Demokratie“. Zugleich konzentrieren sie sich auf das, „was nationalstaatlich bearbeitbar, was agendafähig ist“. Auch um die reale Gefahr des „Zerfalls des Westens“ zu bannen.

Gegen die Niedergangsnarrative

Die Kritik ihrer Agenda gilt vor allem einem neuerdings veränderten Verhältnis zwischen Politik und Bürgern, das letztere ausblendet: Es herrsche „jetzt ein Politikstil, in dem die Bürger als Kunden apostrophiert werden, und die Politiker sind die Lieferanten und Produzenten. (...) Das ist eine verhängnisvolle Beschreibung, weil sie suggeriert, man könne sich hinstellen und warten, dass das, was man bestellt hat, bei der Wahl oder mit einem Internetkommentar, auch angeliefert wird.“

„Niedergangsnarrative verhindern Problemlösungen“,s sagte Marina Münkler kürzlich in einem Interview. „Sie gewinnen ihre Macht dadurch, dass sie stets im Ungefähren und Unkonkreten bleiben. Gleichzeitig schüren sie das Verlangen nach einem Retter, der alle Probleme auf einmal lösen kann. Die Verehrung von Politikern, die sich am liebsten über alle Regeln hinwegsetzen, ist das, was im Rücken solcher Narrative entsteht.“

Die Politik, nicht nur in der Bundesrepublik, habe die Zukunft aus den Augen verloren, so eine Hauptthese des Buches. In der von beiden skizzierten „Mitwirkungsdemokratie“ finden sich einige überraschende Elemente: „Wenn das Los entscheidet, können auch Leute zum Zuge kommen, die sich eine Kandidatur nicht zutrauen würden. Das Losverfahren knüpft ja durchaus an die klassische antike Tradition an, die durch das Los mit der staatsbürgerlichen Gleichheit Ernst machte.“

Man darf gespannt sein, ob sich solche Vorschläge dieses Zwei-Personen-Think-Tanks in die Tat umsetzen lassen.

Wenn er tatsächlich Bundespräsident wäre, dann wäre Herfried Münkler jedenfalls kein Moralist, kein Prediger und Sonntagsredner, der sich pathetisch über Nation und Identität verbreitet, sondern ein Mahner dafür, sich auf Sachlichkeit und Eigeninteressen zu besinnen. Damit sind beide Münklers zwischen den idealistischen Weltrettern auf der einen und den egoistischen Wutbürgern auf der anderen Seite des Spektrums eine Seltenheit.

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