Wie ein Riese im Hurrikan: Neil Young

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Schwäbische Zeitung

Der Mann dort auf der Bühne hatte noch vor zwei Jahren als 65-Jähriger in seiner Autobiografie geschrieben, nicht mehr zu trinken und auch kein Gras mehr zu rauchen. Deshalb könne er keine Songs mehr schreiben. Seither hat er zwei Alben veröffentlicht und steht mit den Stücken der letzten Platte, „Psychedellic Pill“, und der Band Crazy Horse auf der Bühne der Schleyer-Halle. Trinken und rauchen muss er dafür nicht, Neil Young kann es einfach so. Zwar spielt er nur 14 Stücke, die aber in einer Vollmondnacht, von denen man sich erzählt, der 1945 in Kanada geborene Musiker gehe nur noch dann ins Studio, wenn der Mond in seiner ganzen Schönheit am Himmel stehe.

Nach einer beinahe zu lang gewordenen Bühnen-Aufbaushow mit verrückten Wissenschaftlern, die mit den großen Fender-Verstärker-Türmen an das legendäre Live-Rust-Konzert 1978 erinnern, dröhnt „A Day in a Life“ von den Beatles aus dem Off. Es folgt die deutsche Nationalhymne, zu der die vier Musiker mit Hand oder Hut auf der Brust, schweigend auf der Bühne erscheinen. Gefühlte vier bis fünf Quadratmeter brauchen Gitarristen, Bassist und Schlagzeuger. Poncho Sampedro trägt ein Jimi Hendrix-T-Shirt, Billy Talbot weicht mit seinem Bass dem Drummer Ralph Molina kaum von der Seite und Neil Young selbst zieht mit seinen berühmten, wiegenden Bewegungen die Kreise über die Bühne und bringt seine „Old Black“ genannte Gibson Les Paul beinahe zum Glühen. Die Gitarre ist von 1952, nur sieben Jahre jünger als er selbst und sie ist seine Wegbegleiterin durch jegliche Stücke, die einer elektrischen Gitarre bedürfen. Die betagten Herren, die nur auf dem Papier älter werden, spielen schon mit dem zweiten Stück „Powderfinger“ zu einer Energie auf, die sich in dem aufgeheizten Saal entlädt. Die Giganten sind auf der Bühne. Erst zum dritten Mal spielt Young in Stuttgart, zum ersten Mal mit seiner Hausband Crazy Horse.

Dann folgt „Walk Like A Giant“, das Stück, in dem Young erzählt, einst die Welt habe retten wollen. Kurz vor dem Ziel aber seien sie entgleist, sei es ihnen aus den Händen geglitten und er selbst sei zum Blatt im Wind geworden. Das Stück erzählt von den Freunden, die Neil Young an den Tod verloren hat, von dem Gefühl, kurz vor dem großen Feuer zu stehen, das die eigenen Ideen verbrennen will. Er will wie ein Riese über das Land gehen und macht Mut und Lust auf das Leben. Die Gitarrenorgien, die Schlussakkorde wollen nicht enden und werden zu Gewittersturm und Dauerregen, der über die Leinwände flimmert.

Neil Young kehrt mit Harmonika und akustischer Gitarre alleine auf die Bühne zurück, spielt „Hole In The Sky“ und dann statt des sonst an dieser Stelle gehörten Klassikers „Comes a Time“ das Stück „Human Highway“. Vielleicht als Ansage, den gleichnamigen Film, den er 1982 gedreht hat, überarbeitet doch noch einmal zu veröffentlichen. Bei „Heart Of Gold“ kommt trotz der Hitze in der Halle Gänsehaut durch. 10000 Menschen singen mit, statt der Feuerzeuge leuchten die Handys auf – eben die moderne Art, Rockromantik zu feiern. Selbst das überfrachtete „Blowin' In The Wind“ nimmt man dem Mann ab. Es gab mal Zeiten, da spielte er hier „All along the Watchtower“ – die Huldigung an Bob Dylan darf bei ihm nie fehlen.

Nach gut zwei Stunden handgemachter Rockmusik, die ohne Lasershow oder sonstigen Firlefanz auskommt, stimmt Neil Young schließlich wieder mit Unterstützung der 10000 Stimmen den Song an, ohne den er das Konzert nie beenden würde. „Like A Hurricane“ – Ian Paice, Drummer von Deep Purple, hat mit Blick auf den Bodensee vor einigen Jahren gesagt, dass kein gutes Konzert enden dürfe, ohne ganz bestimmte Stücke gespielt zu haben. Neil Young und Crazy Horse spielen wie die Riesen im Hurrikan und verabschieden sich bis zum 14. August aus Deutschland. Dann spielen sie in Dresden. Es gibt Konzerte, Musiker und Bands, die man mindestens einmal im Leben gesehen haben muss.

Die Playlist von Stuttgart:

„Love And Only Love“

„Powderfinger“

„Psychedelic Pill“

„Walk Like A Giant“

„Hole In The Sky“

„Human Highway“

„Heart Of Gold“

„Blowin' In The Wind“

„Singer Without A Song“

„Ramada Inn“

„Sedan Delivery“

„Surfer Joe And Moe The Sleaze“

„Mr. Soul“

und als Zugabe „Like A Hurricane“

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