Wie die Zukunft der Kirche aussehen könnte

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Das neue Buch von Hubert Wolf heißt „Krypta“. Der von der Ostalb stammende Wolf lehrt Kirchengeschichte an der Universität Müns
(Foto: Cover Beck Verlag)
Christoph Wartenberg

Mit seinem Buch „Die Nonnen von Sant’ Ambrogio“ hat Hubert Wolf vor zwei Jahren die Sachbuch-Bestsellerlisten erklommen. Nun bietet der Münsteraner Kirchenhistoriker mit seinem neuesten Buch „Krypta – Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte“ Ansätze zu einer Reform der katholischen Kirche. Dabei greift Wolf auf historische Strukturen zurück, die von der Kirchenleitung spätestens seit dem ersten vatikanischen Konzil (1869/70), so schreibt er, vorsätzlich ignoriert wurden.

Ermutigt durch Papst Franziskus

Angesichts einer teils liberaleren und selbstkritischen Entwicklung der Kirche durch die Wahl von Papst Franziskus sieht sich Wolf ermutigt, einige Beispiele vorzustellen, die zeigen, dass die Traditionen der Kirche mitnichten eine jahrhundertelange, kontinuierliche Entwicklung darstellen, sondern immer wieder grundlegenden Veränderungen und auch willentlichen Verfälschungen unterworfen waren.

Auch mit seinem neuen Buch ist Wolf bereits in die Bestsellerlisten vorgedrungen. Das mag an der äußerlichen Aufmachung des Buches liegen, das in Tiefrot das Wort „Krypta“ in einem finsteren Gewölbe zeigt und so die Vorstellung erweckt, hier würden dunkelste Geheimnisse gelüftet, in Anlehnung an das Sant’-Ambrogio-Buch. Das ist aber nicht der Fall.

„Krypta" zeigt in zwölf Abschnitten auf, dass es in der Kirchengeschichte durchaus demokratischere Strukturen gegeben hat, der diktatorische Primat des Papstes nicht immer ohne Gegengewicht und Ausgleich durch andere Würdenträger der Kurie und der Diözesen festgeschrieben war. Frauen konnten, besonders in Form der Fürstäbtissinnen wie zum Beispiel in Buchau, eine den Bischöfen ähnliche Macht innehaben und übernahmen teilweise auch liturgische Funktionen wie den Vortrag des Evangeliums und das Predigen im Gottesdienst, obwohl es dazu mindestens der Weihe zum Diakon bedurft hätte. Solche Äbtissinnen gab es bis weit ins 19. Jahrhundert.

Die ausschließliche Ernennung von Bischöfen durch den Papst ist weder historisch durchgängig nachgewiesen noch in allen katholischen Landes- und Nationalkirchen einheitlich geregelt. Auch die Selbstherrlichkeit der Bischöfe, wie sie sich im Gebaren des Limburger Amtsträgers Tebartz-van-Elst so deutlich gezeigt hat, ist nicht in Stein gemeißelt.

Wolf verweist mit seinen Beispielen aus der Geschichte auf die Möglichkeit einer demokratischeren Kirche, ein Gedanke, der nicht erst in der Gegenwart entstanden ist. Eine zentrale Rolle spielt hier das Dekret „Haec sancta", das 1415 beim Konstanzer Konzil erlassen wurde. Aus der Interpretation dieses Dekrets ergibt sich die Frage, ob der Papst an Entscheidungen des Konzils gebunden ist oder über dem Konzil steht. Je nach Auslegung könnte also selbst der Papst den Entscheidungen eines Gremiums unterworfen sein.

Das Buch wendet sich keinesfalls nur an Fachleute wie Kirchenrechtler oder Historiker, sondern versteht sich als Denkanstoß für alle, die sich mit der Zukunft der Kirche befassen. Vor dem Hintergrund zunehmender Kirchenaustritte, dem Unmut über verkrustete Strukturen, die viele Menschen ausschließen und angesichts einer sich rasant entwickelnden Welt verweist Wolf darauf, dass die Kirche durchaus auch andere Möglichkeiten hatte und haben könnte. Einen ersten Schritt stellt hier das zweite Vatikanische Konzil dar.

Wolf entlarvt die Traditionalisten in der Kirche, die sich auf das Konzil von Trient als die wahre Verfassung des Katholizismus berufen, und zeigt auf, dass deren Interpretationen des Konzils Mythen sind. „Tatsächlich aber war das historische Konzil von Trient ein Katalysator für Moderne und Modernisierung der katholischen Kirche“, schreibt Wolf und wendet sich damit gegen einen die Fakten verfälschenden, dumpfen Konservativismus.

Dass einer der größten Heiligen der Kirche, Franziskus von Assisi, nach dem der derzeitige Papst seinen Namen gewählt hat, sich zu Lebzeiten mit seinen Lehren am Rande der Häresie bewegt hat, zeigt Wolf in einem eigenen Kapitel auf.

„Krypta“ ist ein besonnenes Buch, das weder zur Revolution aufruft noch die Kirche in ihren Grundfesten erschüttern will. Vielmehr bietet das Buch Ansätze zu einer Modernisierung der Kirche aus dem Geist der Geschichte und weist so Wege für eine Fortsetzung von Traditionen.

Hubert Wolf: Krypta – Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. 232 Seiten C.H.Beck-Verlag München, gebunden

19,95 Euro, ebook 15.99 Euro.

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