Wie die elektrische Gitarre die Welt eroberte

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Die E-Gitarre ist aus der Welt der Musik nicht wegzudenken. Von den Rolling Stones bis zu Alter Bridge (hier im Bild: Gitarrist
Die E-Gitarre ist aus der Welt der Musik nicht wegzudenken. Von den Rolling Stones bis zu Alter Bridge (hier im Bild: Gitarrist Mark Tremonti) machen sich die Künstler die Energie der E-Gitarre zu eigen. (Foto: Daniel Drescher)
Olaf Neumann

Sie ist das Symbol des Rock ’n’ Roll schlechthin. Ohne die elektrische Gitarre wäre die gesamte populäre Musik nicht denkbar. SZene am Wochenende erinnert daran, wie der deutschstämmige Amerikaner Henry Kay „Hank“ Kuhrmeyer vor 90 Jahren die erste E-Gitarre auf den Markt brachte

Kaum ein Instrument hat die Welt so nachhaltig verändert wie die elektrische Gitarre. Ihr Klang hatte die Wucht einer Kulturrevolution. Kaum zu glauben, dass bereits zu Urgroßvaters Zeiten akustische Gitarren erstmals mit elektrischer Verstärkung gespielt wurden. Neun Jahrzehnte später umgibt die E-Gitarre noch immer eine mystische Aura. Niemand weiß so recht, wie dieses verführerische Saitenspiel der Gefühle zustande kommt, dem so viele Menschen verfallen sind.

Mitte des 19. Jahrhunderts suchten Instrumentenbauer nach Möglichkeiten, der zarten und leisen Akustikgitarre lautere und vielseitigere Klänge zu entlocken. 1840 gestaltete Christian Friedrich Martin den hölzernen Korpus so um, dass man ihn mit Metallsaiten bespielen konnte. Dadurch erreichten die Instrumente des in die USA ausgewanderten Gitarrenbauers aus Markneukirchen im Erzgebirge eine viel höhere Lautstärke.

Bahnbrechende Erfindung

1928 brachte Henry Kay „Hank“ Kuhrmeyer mit seiner in Chicago ansässigen Firma schließlich die „Stromberg Electro“-Flat-Top-Gitarre auf den Markt. Es war die erste kommerzielle elektrische Gitarre überhaupt. Trotz ihres bahnbrechenden Status’ war die Stromberg nicht das, was man sich heute unter einer E-Gitarre vorstellt, weil sie beispielsweise noch keine elektromagentischen Pickups hatte. Sie nahm die Schwingungen vom Korpus ab und nicht von den Saiten. Das funktionierte über eine Metallstange (Transducer), die den Resonanzboden mit Magneten verband, die im Instrument selbst angebracht waren. Nichtsdestotrotz waren insbesondere Chicagos Hillbilly-Radio-Performer begeistert von der Erfindung. Hank Kuhrmeyer ließ jedoch nur wenige Exemplare anfertigen, und mit Beginn der großen Depression verschwand seine Erfindung wieder vom Markt.

Legendäre Bratpfanne

Auch der Texaner George D. Beauchamp war besessen von der Vorstellung einer elektrisch verstärken Gitarre. Da der passiven Vergrößerung des Klangvolumens natürliche Grenzen gesetzt sind, kam er 1924 schließlich auf die Idee, die Schwingungen der Saiten seiner Steel-Gitarre direkt am Entstehungsort abzugreifen. Dazu befestigte er den elektromagnetischen Tonabnehmer eines Plattenspielers an seinem Instrument. Um seine Innovation zu vermarkten, brauchte der Nachwuchstüftler kompetente Unterstützung.

Fortan feilte er gemeinsam mit dem Schweizer Emigranten Adolph Rickenbacker an einem Serienmodell. Der urige Holzklotz fing sich aufgrund seines kleinen kreisrunden Korpus’ und den sechs Stahlsaiten den Namen „Bratpfanne“ (engl.: Frying Pan) ein. 1931 entwickelte das Duo einen Tonabnehmer, der sich die Saitenschwingung von Stahlsaiten direkt zunutze machte. Damit war die erste serienmäßige elektrische Lap-Steel-Gitarre erfunden. Nach dem Vorbild der Rickenbacker Electro A-22 funktionieren auch heute noch fast alle Stromgitarren. Da Adolph Rickenbacker gute Beziehungen zur US-Unterhaltungsindustrie hatte, erklang seine „Volksgitarre“ alsbald auf zahlreichen Hits von Bing Crosby bis Sol Hoopii, dem wohl populärsten hawaiianischen Steel-Gitarristen aller Zeiten.

Nicht nur deshalb sah die Konkurrenzfirma Gibson sich gezwungen, mit einem eigenen, konventionell geformten Modell nachzuziehen. Musiker Charlie Christian wurde in der zweiten Hälfte der 1930er zum ersten Star eines völlig neuen Instruments, dessen wohlgeformter Körper den Rundungen einer Traumfrau nachempfunden schien. Dank des elektrisch verstärkten Klangs seiner Gibson ES-150 war der junge Schwarze fortan in der Lage, auf dem altgedienten Rhythmusbrett endlich auch Soli zu spielen.

Fender macht Hobbymusiker froh

Parallel entwickelte der Blueser T-Bone Walker aus Texas mit einer von Leo Fender konstruierten E-Gitarre gänzlich neue Ausdrucksformen. Fender, ein ehemaliger Rundfunktechniker, begann nach dem Krieg, E-Gitarren mit einem massiven Korpus in Serie herzustellen. Die Fender Telecaster verursachte keine Rückkopplungen mehr und war enorm widerstandsfähig. Leo Fender hatte sein „Baby“ so weit vereinfacht, dass es praktisch von jedem Hobbymusiker mit einem Schraubenzieher und einem Lötkolben in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengeschraubt werden konnte.

Die Idee, den hohlen Korpus durch einen massiven zu ersetzen, ging ursprünglich von Les Paul aus. Der Wahl-New Yorker gehörte Ende der 1940er Jahre zu den populärsten Gitarristen der USA. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass die E-Gitarre eigentlich gar keinen Hohlkörper brauchte. Der sorgte ohnehin nur für störende Rückkopplungen. Paul stellte sein Know-how schließlich Gibson zur Verfügung und so kam 1952 das berühmte Les-Paul-Modell auf den Markt. Es war von Anfang an auf Qualität ausgerichtet: Ein edler Korpus aus Schichten von Ahorn und Mahagoni, ausgeliefert in goldfarbener Lackierung. Fender reagierte prompt und präsentierte 1954 die Stratocaster. Hier endet praktisch die Entwicklungsgeschichte der E-Gitarre – und die Traditionsmarken wie Gibson, Fender, Gretsch und Rickenbacker reproduzieren sich heute eigentlich nur noch selbst.

Mit einer Ausnahme: Ende der 70er-Jahre präsentierte der US-Amerikaner Floyd Rose ein Vibratosystem. Sein „Locking Tremolo“ war eine Weiterentwicklung des Vintagetyps der Stratocaster. Mit einem Tremolo lässt sich die Tonhöhe stufenlos manipulieren; zudem ist ein Vibratoeffekt möglich. Inzwischen gibt es sogar selbststimmende Gitarren mit kleinen Elektromotoren in den Mechaniken. Aber die will eigentlich keiner haben.

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