Wer gewinnt den Goldenen Löwen?

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Die Schauspielerinnen Stacy Martin, Natalie Portman, Raffey Cassidy (von links) und Regisseur Brady Corbet in Venedig: Sie haben
Die Schauspielerinnen Stacy Martin, Natalie Portman, Raffey Cassidy (von links) und Regisseur Brady Corbet in Venedig: Sie haben dort den Film „Vox Lux“ vorgestellt. (Foto: Internationale Filmfestspiele von Venedig)
Rüdiger Suchsland

Wer gewinnt den Goldenen Löwen? Diese Frage ist auch in diesem Jahr so offen wie fast immer, wenn die Filmfestspiele von Venedig in ihre Zielgerade gehen. Morgen Abend werden am Lido die Preise verliehen.

Nach dem stärksten Wettbewerb des Jahrzehnts gibt es bis zuletzt viele ausgezeichnete Filme, kaum echte Reinfälle, und keinen klaren Favoriten. Manche Kritik im Vorfeld ist dagegen längst vergessen: Da hatte man ausgerechnet, dass unter den 21 Werken, die um den Goldenen Löwen konkurrieren, nur einer von einer Regisseurin gedreht wurde. Wirkte das nicht wie ein offener Affront im Jahr von „Me Too“? Manchmal lohnt es sich aber doch, über Filme erst zu reden, nachdem man sie gesehen hat. Denn was die Kritiker nicht wissen konnten: In weit über der Hälfte der Geschichten stehen Frauenfiguren (und damit Schauspielerinnen) klar im Zentrum, in manchen, wie dem gleich am ersten Tag gefeierten Kostümdrama „The Favourite“ vom griechischen Kult-Regisseur Yorgos Lanthimos spielen Männer eine komplette Nebenrolle – gut möglich, dass eine der drei Darstellerinnen Rachel Weisz, Emma Stone oder Olivia Colmen die „Coppa Volpi“, den Schauspielpreis mit nach Hause nehmen.

Vergangenheit spiegelt Gegenwart

Eine zweiter roter Faden, der sich durch die Filme zieht: Sehr viele von ihnen spielen in der Vergangenheit. Man könnte meinen, dass das Gegenwartskino gewissermaßen die Gegenwart meidet. Andererseits wirkt die Vergangenheit dann oft als ferner Spiegel unseres eigenen Zeitalters.

Das gilt zum Beispiel für „Sunset“ vom Ungarn Laszlo Nemes, der durchaus kontrovers aufgenommen wurde. In unvergleichlichem Stil und großer Schönheit erzählt dieser Film, der im Budapest vor dem Ersten Weltkrieg spielt, eine surreal zu verstehende Geschichte, einen Paranoiathriller.

Eine junge Frau versucht, das Schicksal ihrer Familie zu rekonstruieren: Die einst reichen Eltern starben offenbar bei einem Brand, der Bruder scheint als Anarchist im Untergrund die Weltrevolution herbeizubomben. Aber fast alles hier ist unsicher; Geheimnis und Nervosität tränken die Luft. Es könnte, was wir sehen, auch der Wahn einer Verrückten sein. Denn die „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) ersteht hier nicht in historischer Korrektheit wieder auf, sondern eher als „Schloß“ des Franz Kafka. So ist dies vor allem ein Werk des Phantastischen Kinos – formal großartig, gärt dieser Film noch viele Stunden in den Köpfen weiter.

Nennen muss man auch den umstrittensten Film im Programm, Brady Corbets „Vox Lux“, in dem Natalie Portman einen Pop-Megastar spielt, deren Karriere mit dem Schlüsselerlebnis beginnt: Ein Highschool-Massaker, das sie knapp überlebt, durch das sie zugleich aber über Nacht berühmt wird. In vier Kapiteln erzählt Corbet Werdegang, Durchbruch, und Celestes Leben 17 Jahre später, als der Weltruhm längst Routine und Belastung ist. Was heißt es ein Star zu sein? Was sind Stars? Die Wege zum Ruhm sind hier das Gegenteil von Florian Henckel von Donnersmarcks idealisierter, religiös grundierter Idee vom Künstler als reinem Helden. Für Corbet ist Kunst korrupt und ein von allen Lastern infizierter Spiegel der Dekadenz unserer Zeit. Die allerdings zeigt er in schillernder Pracht.

„Suspiria“ spielt in West-Berlin

Der Italiener Luca Guadagnino hat seine Neufassung des Horror-Klassikers „Suspiria“ im Westberlin von 1977 angesiedelt. Ein Frauen-Matriarchat regiert eine berühmte Tanzschule: Tilda Swinton, Angela Winkler und Ingrid Caven spielen die Hauptrollen. Eine junge Tänzerin ist verschwunden, die Newcomerin Susie (Dakota Johnson) nimmt ihren Platz ein, und ist zunächst begeistert. Doch bald häufen sich die Merkwürdigkeiten. Geht es hier übernatürlich zu? „Suspiria“ ist ein Thriller, bei dem Dämonisches und Unheimliches immer ein Spiegel von Tatsachen sind: Ob die Massenmorde der Nazi-Zeit, ob RAF-Terror und gesellschaftliche Paranoia, ob das kollektive Unbewusste der westlichen Gesellschaften – auf allen Ebenen kommt das Verdrängte zurück und entfaltet seinen Schrecken. Und der hexenhafte Frauenbund ist für den Regisseur nur eine Folie, auf der er sehr schlau von fehlgeleiteten Gruppendynamiken erzählt und von kollektivem Wahn. „Suspiria“ ist aber auch ein wohldesignter Bilderteppich.

Diese Werke waren die formal herausfordernsten, insofern für den Kunstkritiker preiswürdigsten Filme des diesjährigen Festivals. Und gut möglich, dass die Jury um den Mexikaner Guillermo del Toro morgen alle überrascht. Aber ein paar Filme dürften sich fast sicher unter den Preisträgern finden.

Dazu gehört „What You Gonna Do When The World’s on Fire?“ von Roberto Minervini. In dem italienischen Dokumentarfilm werden Schwarze in den US-Südstaaten portraitiert. Ein sehr schön in prachtvoll sattem Schwarz-Weiß photographierter Film. Er zeigt die entrechtete Lage der Schwarzen der USA. Ohne Überraschungen oder neue inhaltliche Aspekte, ist dies in seiner humanistischen Grundhaltung trotzdem eindringliches Kino.

Am ehesten ein allgemeiner Favorit ist der autobiographische Film „Roma“ des Mexikaners Alfonso Cuaron, der von einer Kindheit um 1970 erzählt. Dies ist das Portrait einer Klasse und einer historischen Situation, mit Kindern als zentralen Charakteren, ein fernes Echo von Ang Lees Meisterwerk „The Icestorm“. Dies ist auch der Abgesang auf einen Lebensstil. Ein preiswürdiger Film in jedem Fall.

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