Was uns im Theater bevorsteht

Lesedauer: 7 Min
„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Falk Richter wurde am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt.
„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Falk Richter wurde am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. (Foto: Arno Declair)
Jürgen Berger

Deutschsprachige Autoren und Theater beschäftigen sich zurzeit vor allem mit dem Krisenpotenzial einer zunehmend deregulierten und von Autokraten regierten Welt. Elfriede Jelinek zum Beispiel hat direkt auf die Vereidigung Donald Trumps als US-Präsident reagiert, während jüngere Autorinnen und Autoren eine Atmosphäre der gesellschaftlichen Verunsicherung und Angstbereitschaft beschreiben. Autoren wie Ewald Palmetshofer oder der Autor und Regisseur Simon Stone suchen dagegen nach Weltbeschreibungen in Theaterstücken der klassischen Moderne. Sie fragen bei Gerhart Hauptmann und August Strindberg nach, inwieweit deren Stücke zur Erklärung der heutigen Weltlage beitragen können.

Gegen Ende der Saison gibt es die wichtigsten Theaterfestivals in Heidelberg, Mülheim und Berlin. Bei den dort vorgestellten Stücken geht es um den ewigen Krisenherd Mittlerer Osten und den Syrienkrieg, die Annexion der Krim durch Russland und die Menschenrechte in der Türkei, die Flüchtlingsproblematik und Trumps „America First“- Politik. Die Welt, so der Eindruck, ist aus den Fugen und die Menschen geraten zunehmend in eine Situation der Verunsicherung und Angst.

Aktuelle Gesellschaftsdiagnosen

Maria Milisavljevic zum Beispiel erzählt in „Beben“ von einer Welt des medialen Overkill und der Terrorhysterie. Die Uraufführung gab es am Pfalztheater Kaiserslautern, die Zweitinszenierung am Theater und Orchester Heidelberg, wo Erich Sidler eine atmosphärisch dichte Angstchoreografie inszenierte. In Milisavljevics Textfläche trifft man auf Selbstmordattentäter und Amokläufer, tote Flüchtlinge im Mittelmeer und einen Soldaten, der ein Kind erschossen hat und von Gewissensbissen geplagt wird. In einem Interview sagte die Autorin, sie habe Figuren kreieren wollen, dann sei ihr aber dieses Wabern wichtiger gewesen, „das wir jeden Tag erleben, beispielsweise auf unserer Facebook-Timeline.“

Das hätte auch Laura Naumann formulieren können, die in „Das hässliche Universum“ ein ähnlich gelagertes Angstszenarium entfaltet und aus Alltagsproblemen und globalen Krisenfragen einen Regressionscocktail mixt. Auch in diesem Fall gibt es keine klar erkennbaren Figuren. Julia Hölscher hat in der Uraufführung am Schauspiel Frankfurt eine verängstigte Urhorde inszeniert.

Milisavljevic und Naumann verhandeln den beängstigenden Zustand einer apokalyptischen Sinnkrise des Westens. Damit bewegen sie sich in der Nähe von Thomas Köck, der dieses Thema bereits in zwei Theatertexten („paradies fluten“, „paradies hungern“) umkreist hat und mit „paradies spielen“ das Endstück seiner dystopischen Trilogie vorstellt, zusammengefasst in der Metapher eines dem Abgrund zurasenden ICE. Die Uraufführung am Mannheimer Nationaltheater inszenierte Marie Bues mit Gefühl für Melodie und Rhythmik der Vorlage.

Den Spiegel vorhalten

Das gilt auch für den Autor und Regisseur Falk Richter, der am Hamburger Schauspielhaus zum ersten Mal einen Theatertext Elfriede Jelineks inszeniert und eine bildgewaltige, dem Text dienende Uraufführung vorgelegt hat. In „Auf dem Königsweg“ führt Jelinek den unberechenbaren US-Präsidenten und Twitter-König Donald Trump an der langen Leine seiner Allmachtsfantasien spazieren. Sie hält uns aber auch einen Spiegel vor und stellt die Frage: Haben nicht wir, die das heute ungläubig und wütend beobachten, mit unserer passiven Konsumhaltung einen derart exzessiven Selbstdarsteller erst möglich gemacht?

Sowohl Ewald Palmetshofer als auch Simon Stone werfen einen Blick zurück in die Aufbruchphase des Kapitalismus. Sie beschäftigen sich mit der industriellen Revolution. Schon damals verunsicherte ein tief greifender ökonomisch-gesellschaftlicher Wandel. Liebes- und Familienverhältnisse definierten sich neu, und Sigmund Freuds Tiefenpsychologie präsentierte ein neues Erklärungsmuster dafür, was sich zwischen Frauen und Männern abspielt.

Palmetshofer tut das, indem er mit Gerhart Hauptmanns Frühwerk „Vor Sonnenaufgang“ einen naturalistisch-dialogischen Text aus dem Jahr 1889 in unsere Zeit überträgt. Aus Hauptmanns Bauernfamilie Krause ist eine Mittelstandsfamilie des Jahres 2018 geworden. Das Familienunternehmen produziert Karosseriepressen, zerlegt aber gleichzeitig die gutbürgerliche Familie in Einzelteile. Nora Schlocker inszenierte die Uraufführung am Theater Basel als unterkühlte Studie heutiger Charaktere. Dušan David Pařízek betonte in der Zweitinszenierung am Wiener Burgtheater die dramatischen Zersetzungsprozesse in einer derart zerrütteten Wohlstandsfamilie.

Auch Simon Stone bedient sich einer Vorlage aus dem 19. Jahrhundert, geht aber einen Schritt weiter als Palmetshofer. Stone versammelt Paare und Passanten aus verschiedenen Theaterstücken August Strindbergs. In den Zimmern eines auf der Bühne nachgebauten Hotels inszeniert er einen Geschlechterkampf der Superlative und führt vor, dass nicht nur demokratische Staatsgebilde einem Zersetzungsprozess ausgesetzt sind, sondern auch Zweierbeziehungen. Die Koproduktion des Wiener Burgtheaters und des Theaters Basel wurde zuerst in Wien und wird ab Ende der Spielzeit in Basel gezeigt. Sowohl „Vor Sonnenaufgang“ als auch „Hotel Strindberg“ sind keine Überschreibungen, sondern völlig neue Stücke unter Verwendung von Klassikern der Moderne, garniert mit psychologisch fundierten Figuren. Solche Gesellschaftsdiagnosen werden das deutschsprachige Theater auch in den nächsten Spielzeiten prägen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen