Was hinter den Kulissen von „Bares für Rares“ passiert

Lesedauer: 10 Min
 Bevor es an den Händlertisch geht, werden die mitgebrachten Schätze begutachtet, wie hier beispielsweise von Heide Rezepa-Zabel
Bevor es an den Händlertisch geht, werden die mitgebrachten Schätze begutachtet, wie hier beispielsweise von Heide Rezepa-Zabel, die mit Horst Lichter zusammen am Expertentisch steht. Sie nimmt ein Schmuckstück unter die Lupe. (Foto: ZDF/Frank W. Hempel)

Der immer gleiche Satz – seit Wochen schon: „Verkaufen will ich es eigentlich gar nicht, aber mich würde schon interessieren, was es wert ist.“ Ihr Ölbild aus den 1940er-Jahren könnte meine Mutter vermutlich bei jedem Kunsthändler schätzen lassen. Selbst das Internet gibt darüber vage Auskunft. Aber nein! Als große Anhängerin der ZDF-Sendung „Bares für Rares“, bei der Otto Normalbürger Kunst oder Kitsch verkaufen kann, müsste es schon Experte Albert Maier sein, der ihr Erbstück genauer unter die Lupe nimmt. Und mit dem charmanten Horst Lichter, Fernsehkoch und Moderator der Sendung, würde sie sowieso gerne mal plaudern. Dann auch noch so ein kleiner Fernsehauftritt ...

Bis zu 1000 Bewerbungen pro Woche

Um den Wunsch der Laupheimerin eventuell erfüllen zu können, genügt erst einmal ein kleiner Klick. Schon öffnet sich auf dem Bildschirm der Bewerbungsbogen für die Sendung, mit dem nicht nur persönliche Daten abgefragt werden. Er verlangt auch genaue Auskünfte über die „Rarität“ samt Fotos, in diesem Fall des Gemäldes und seiner Besitzerin. Nochmal ein Klick, und die Bewerbung läuft. Übrigens eine von 500 bis 1000, die jede Woche bei der Firma Warner Bros., die die Sendung produziert, eingehen. Es dauert keine drei Wochen, bis per E-Mail die Antwort kommt: Leider besteht kein Interesse am Bild und seiner Besitzerin. „Na ja, ich wollte ja eh nicht verkaufen“, tröstet sich die Laupheimerin.

Einer, bei dem es geklappt hatte und der auch tatsächlich verkaufen wollte, reiste mit seinem Ölbild von Ravensburg ins Walzwerk bei Pullheim, einen der drei Drehorte neben den Balloni-Hallen in Köln und dem historischen Kaufhaus in Freiburg. Anfahrt und Übernachtung übernimmt die Produktionsfirma. Vor Ort kam sich der Ravensburger, der eigentlich gar nicht über seinen Auftritt bei der Sendung plaudern darf, ziemlich alleingelassen vor. „Am nächsten Morgen bin ich dann mit dem Taxi zum Walzwerk gefahren und habe mich dort erst mal in die Halle gesetzt und gewartet. Kein Mensch hat mich begrüßt oder mich darüber informiert, wie es jetzt weitergeht“, bemängelt er.

Kein Mensch hat mich begrüßt oder mich darüber informiert, wie es jetzt weitergeht.

Ein Ravensburger

Von den Experten sei weit und breit nichts zu sehen gewesen, von Horst Lichter schon gar nicht. Eine Produktionsassistentin habe ihn dann schließlich aufgefordert, noch einmal für die Kamera zu wiederholen, wie er mit seinem Bild am Walzwerk ankommt, und zu erklären, was er verkaufen möchte. Anschließend führte sie ihn zum Kunstexperten Albert Maier, der aus Ellwangen stammt und sich mit dem Oberschwaben kurz über den VfB unterhielt.

Von Lichter erst mal keine Spur. Als der Moderator dann den Raum betrat und den Ravensburger begrüßte, lief auch die Kamera. Maier erzählte, dass die halbnackte Tänzerin in Öl ein rund 100 Jahre altes Gemälde des bekannten Künstlers Marcel René von Herrfeldt und etwa 600 Euro wert ist. Das wusste der Ravensburger allerdings alles schon. Lichter wollte dann noch erfahren, wie der potenzielle Verkäufer an das Gemälde gekommen ist. Was man sich in etwa folgendermaßen vorstellen kann: „So, erklären Se mal, wo hab’n Se das hübsche Frollein denn her?“

Fast drei Millionen Zuschauer

Für Sätze wie diesen liebt das Fernsehpublikum den verschmitzten Moderator mit dem markanten Schnauzbart. Immerhin fast drei Millionen Menschen verfolgen täglich die Sendung und machen die Trödelschau zum Quotenhit des Nachmittagsprogramms. Der Ravensburger erzählte dann auch artig, dass er das Bild von einem Onkel geerbt, dafür aber bei sich zu Hause keine Verwendung hatte.

Und weil seine Vorstellung vom Verkaufspreis ziemlich genau mit der Expertise von Maier übereinstimmte, erhielt er die Händlerkarte. Begleitet von einer Kamera betrat er eine Stunde später den Händlerraum, wo nach einigem Hin und Her schließlich Daniel Meyer die Dame in Öl für 850 Euro erstand. Noch einmal musste der Oberschwabe in die Kamera sprechen und erzählen, wie zufrieden er mit diesem Deal ist. Mit seiner Unterschrift auf einer Quittung endet sein Abenteuer „Bares für Rares“ nach etwa vier Stunden.

„Für die sechs bis sieben Minuten Sendezeit wurden etwa 30 Einstellungen gedreht. Und dafür wurde man ziemlich genau eingewiesen“, erzählt er anschließend. Den immer wieder laut werdenden Schummelvorwürfen, bei „Bares für Rares“ würden Schauspieler die Rollen der Verkäufer übernehmen und überhaupt sei alles gefakt und vom Drehbuch vorgeschrieben, widerspricht er. Zwar gebe es exakte Anweisungen und ein paar Statisten, aber kein Drehbuch. Und es stimme tatsächlich, dass die Händler das entsprechende Objekt zuvor nicht begutachten und sich auch nicht mit den Experten austauschen können.

Hoffen auf die große Überraschung

Dies bestätigt auch „Bares für Rares“-Händler Wolfgang Pauritsch, der unter anderem in Oberstaufen ein Antiquitätengeschäft betreibt und jüngst das Buch „Der Auktionator“ veröffentlicht hat. Zu den Vorwürfen erklärt der smarte Österreicher: „Eines der Erfolgsrezepte ist definitiv, dass das ZDF ein sehr konservativer Sender ist und nicht geschummelt wird. Ich kann sagen: Wir Händler wissen vorher nicht, was uns angeboten wird und wer kommt.“ In seinem Buch erzählt er auch, dass anfangs nur fünf Folgen geplant waren. Mittlerweile liefen bereits über 500.

Und das von einer Sendung, deren Aufwand und Ausstattung relativ gering sind und Ablauf immer gleich ist: Potenzieller Verkäufer stellt sein Objekt – mal Schmuck, mal Geschirr, mal altes Kinderspielzeug, mal ein Gemälde – dem Experten vor, wechselt ein paar Worte mit Lichter und erhält in den meisten aller Fälle eine Händlerkarte. Mit und unter den fünf Auktionären wird dann kräftig gefeilscht mit unvorhersehbarem Ausgang. Was für den einen Zuschauer langweilig erscheint, ist für den anderen jedes Mal ein kleiner Krimi, der vielleicht eine große Überraschung bereithält. Wie im Juli dieses Jahres, als eine antike Schnupftabakdose, die eine Altenpflegerin für 150 Euro verkaufen wollte, letztendlich für 4500 Euro den Besitzer wechselte.

Medienpsychologe Jo Groebel sieht genau darin den Grund für den Erfolg der Trödelschau: „Jeder Normalbürger träumt davon, im Keller oder auf dem Dachboden einen unentdeckten Schatz zu finden, der ihn reich machen könnte.“ TV-Entertainer Thomas Gottschalk hat sich ganz andere Gedanken über „Bares für Rares“ gemacht.

In einer Talkshow beklagte er: „Ich habe eine Show gemacht mit Jean Paul Gaultier, Helene Fischer und Aerosmith. Aber keine Sau hat sich dafür interessiert. Wir hatten miese Quoten. Und dann macht das ZDF eine Sendung, in der ältere Menschen in Anglerjacken ihre alten Kuckucksuhren in irgendeine Trödelabteilung bringen. Da sagt dann einer ,Ich geb’ dir 80 Euro dafür’. Das ist pure Langeweile, aber da gucken Millionen von Menschen zu.“

Auch der Ravensburger zählt nach wie vor zu den Fans der Trödelschau und guckt regelmäßig. Doch das Fazit seines Auftritts fällt nicht durchweg positiv aus: „Das war alles sehr unpersönlich und lief ab wie am Fließband. Mit dem Lichter habe ich zum Beispiel kein einziges persönliches Wort gewechselt.“

Na siehst du, Mama. Du hast also überhaupt nichts verpasst.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen