Wanda bringen die Amore nach Ravensburg

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Schwäbische Zeitung

Schrammelnde Gitarren, schlabbrige Klamotten und viel Zuneigung: Wanda mit ihrem neuen Album „Niente“ in der Oberschwabenhalle. Der Sound ist neu, die Botschaft bleibt die alte.

Wanda sind ein Kuriosum der aktuellen deutschsprachigen Popmusik. Das mag daran liegen, dass die Band ganz offensichtlich aus einer Zeitschleife geschleudert wurde. Die fünf Wiener auf der Bühne sehen in ihren zerknitterten Hemden aus, als hätte sie jemand vor zehn Jahren auf dem abgewetzten Sofa eines Jugendclubs vergessen und nie abgeholt. Sie scheinen eingeschlafen zu sein, in einer Zeit, in der Zigaretten und Dosenbier noch cool waren, in der Bands wie The Strokes, Franz Ferdinand oder Mando Diao in den Clubs rauf und runter liefen. Und dann muss jemand Wanda aufgeweckt haben mit dem Auftrag, in kürzester Zeit drei Hitalben aufzunehmen und die Popszene gründlich durchzurütteln.

Den Abend in Ravensburg eröffnen Wanda mit „Bologna“. Einem Song vom ersten Album, der klingt, als wäre er einer Jamsession von Pete Doherty und Falco entsprungen und der unfassbar gut funktioniert. Überhaupt funktioniert Wanda auf der Bühne einfach. Obwohl der Indierock an sich komatös vor sich hin schlummert, obwohl Wanda weder aus England, noch aus Schweden kommen. Vielleicht ist es die Mischung, die so neu und überraschend ist. Die aus bewährtem Schrammelsound und der Wiener Rotzigkeit, die Frontmann Marco Wanda (bürgerlich Michael Marco Fitzthum) in seinen Texten und mit seinem ganzen Habitus rüberbringt. „Tante Ceccarelli hat einmal in Bologna Amore gehabt! Bologna, meine Stadt“, schleudert er mit Reibeisenstimme ins Publikum, und 2800 Fans in der nicht ganz ausverkauften Halle singen mit.

Überhaupt, die Amore: Sie ist von Anfang an das Hauptmotiv der Band. „Ihr verdient einfach das Beste, Schatzi“, ruft Marco Wanda zwischen den ersten Songs, nur um dann auf der Bühne tatsächlich Vollgas zu geben. Band und Publikum singen, tanzen und schwitzen im Takt bei den großen Hits wie „Meine beiden Schwestern“. Die Gefühle sind jedenfalls deutlich zu spüren, wirken nie kitschig und kommen bei allen Generationen an. Wanda, eine sehr junge Band, hat nicht nur jugendliches Publikum gelockt. Es dominieren die Spätzwanziger bis Mitdreißiger, nach oben hin gibt es kaum eine Altersgrenze.

Gedämpfter neuer Sound

Textsicher sind sie alle bei den Liedern der ersten beiden Alben („Amore“ und „Bussi“). Inzwischen sind Wanda so routiniert, dass sie einen Uptempo-Song wie „Schick mir die Post“ als soulige Nummer beginnen können, die sich dann zum Punkkracher entwickelt. Das Publikum stört’s nicht. Bei den neuen Songs wie den Singleauskopplungen „Weiter, weiter“ oder „Columbo“ springt die Amore auch über, allerdings noch nicht ganz so flammend wie bei den alten Songs. Der Sound ist weniger rockig, erinnert mehr an den klassischen Austropop von S.T.S oder EAV. Gut zum Kopfnicken, weniger geeignet fürs ausgelassene Tanzen. Schade ist, dass Wanda die erste Hälfte des Konzerts relativ zügig wegschrammeln, nur mit kurzen Unterbrechungen für das Verteilen von Dosenbier im Publikum („Aber teilt’s as eich auch, ge“).

Einen Bruch bringt in der Mitte des Abends das etwa zehn Minuten lange, psychedelisch angehauchte „Ich will Schnaps“ mit gequälter Stimme und Bar-Piano im Hintergrund. Da zeigt sich die Vielseitigkeit der Österreicher, die sich nicht nur bei Indie-und Austropop bedienen, sondern auch bei Rockpionieren wie The Doors. Danach werden Wanda experimenteller, mit vier unheimlich schwarz verkleideten, maskierten Streichern, gedehnten Balladen und viel Rauch auf der Bühne.

Rock-Röhre

Stimmlich muss sich Marco Wanda nicht vor denen verstecken, die den Indiesound populär gemacht haben. Ob er bei „Luzia“ sehnsüchtig schreit, für „Columbo“ in stakkatohaften Sprechgesang verfällt oder wie in „Lieb sein“ in hohe Stimmlagen verfällt: Die Töne sitzen, immer leicht angezerrt durch die kehlige Stimme des Wieners.

Ein bisschen ist er eingeschränkt durch eine gebrochene rechte Hand, die ihn aber nicht abhält, selbst die Gitarre für ein paar Töne in die Hand zu nehmen. Die Band bleibt derweil dezent im Hintergrund, liefert eine grundsolide Performance ab. „Niente“ ist sicher nicht das Letzte, was von Wanda zu hören sein wird.

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