„Wörter mit der Vorsilbe un- drücken meist etwas Negatives oder Schlechtes aus“, erklärt der Lehrer in der Deutsch-Stunde. „Wer kann ein solches Wort nennen?“ Darauf ein Schüler: „Unterricht!“

Zugegeben: Dieser Witz ist etwas dünn, aber nicht uninteressant. Denn wie der Lehrer richtig anmerkt, signalisiert das Präfix un – übrigens das am häufigsten vorkommende – meist eine Verneinung. Etwa bei bekannt/unbekannt, freundlich/unfreundlich, Glück/Unglück oder Geduld/Ungeduld. Aber es gibt auch Ausnahmen: Die Vorsilbe un kann durchaus verstärkend wirken. Spricht man von Unmassen, Unmengen oder Unsummen, so sind besonders große Massen, Summen oder Mengen gemeint. Auch bei Unkosten handelt es sich eigentlich um Kosten, die höher ausfallen, als man ursprünglich dachte. Aus dem Rahmen fällt das Wort Untiefe. Denn es ist ein Widerspruch in sich, es bedeutet unvorstellbar tief, aber auch überhaupt nicht tief. So versank einst die Titanic in den Untiefen des Atlantiks, also an einer besonders tiefen Stelle. Beim Eurovision Song Contest aber, der gerade in Stockholm über die Bühne geht, dümpeln einige Beiträge in den Untiefen der Popmusik dahin, sprich: seichter geht es gar nicht.

Damit nicht genug der Absonderlichkeiten: So ist das Wort unheimlich nicht das Gegenteil von heimlich, sondern hat ein ganz anderes Umfeld. Und dann gibt es noch eine Reihe von Begriffen, deren Grundform ohne un verschwunden ist oder gar nie existiert hat: unantastbar, unbedarft, unpässlich, ungeschlacht, ungestüm, unverhofft, Unflat, Ungetüm, Unfug, Unhold, Unschlitt … Von unwirsch ließ sich sogar ein Dichter inspirieren. In Schüttelreimen erzählte uns einst Eugen Roth die traurige Geschichte vom Jäger Aktäon, der in grauer griechischer Urzeit die keusche Artemis beim Nacktbaden in einem Waldteich belauschte und deswegen fürchterlich abgestraft wurde: Sie hat an ihm nicht wirsch gehandelt, / ihn erst in einen Hirsch verwandelt, / und dann in ihrem letzten Hassen, /

von seinen Hunden hetzen lassen …

Ein Abstecher muss bei diesem Ausflug in die weite Welt der Un-Wörter noch sein: Mancher hat sicher schon einmal über das seltsame Wort unentwegt nachgedacht. Bei diesem Synonym für stetig, ausdauernd, beharrlich, unermüdlich handelt es sich um einen veritablen Helvetismus, also ein Wort, das wir aus dem Schweizerdeutschen übernommen haben. Das schweizerische Adjektiv entwegt in Sinn von unruhig geht auf das alte Verb entwegen (von der Stelle rücken, auseinanderbewegen) zurück. Vor allem in Texten von Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf tauchte dann sein Gegenteil unentwegt auf, und weil jene Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts einen sehr starken Einfluss auf Deutschland hatten, kam es als literarischer Import zu uns. Unsere heutigen Helvetismen sind eher kulinarisch: Müsli, Rösti und Apéro.

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Schwäbische Zeitung, Kulturredaktion, Karlstraße 16, 88212 Ravensburg

r.waldvogel@schwaebische.de

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