Von der Rebellion zum Mainstream

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Ausverkaufte Konzerte und ein gefeiertes Album: Für die Metal-Band Amorphis aus Finnland läuft es gut. Daniel Drescher hat mit Sänger Tomi Joutsen über stümperische Produktionen, Veränderung im Metal gesprochen.

Tomi, euer Album „Queen of Time“ hat 2018 sehr viel positive Reaktionen bekommen. Zahlt sich die harte Arbeit aus?

Das hoffe ich. Wir haben viel Zeit und Anstrengung in dieses Album gesteckt und die Menschen scheinen es zu lieben, was großartig ist. Wir werden nächsten Sommer auf Festivals in Finnland das komplette Album spielen. Aber man weiß nie, was die Fans über eine neue Platte denken, während man sie aufnimmt. Und Du bist als Musiker so involviert, dass Du es selbst auch nicht beurteilen kannst. Wir haben mit Jens Bogren zusammengearbeitet. Wir vertrauen ihm als Produzent. Ich schätze, es kann nichts schiefgehen.

Wie entscheidet Ihr, welche musikalischen Einflüsse Teil Eures Sounds werden? Ist das ein organischer Prozess oder sprecht Ihr darüber, welche Klangwelten Ihr erforschen wollt?

Mit unserem Keyboarder Santeri Kallio und unserem Lead-Gitarristen Esa Holopainen gibt es zwei Hautpkomponisten in der Band. Sie schreiben den Großteil der Songs. Wir haben keine Pläne. Der Sound hat sich in 30 Bandjahren natürlich weiterentwickelt. Das neue Album hat viele orchestrale Elemente. Die Ideen dazu kamen von Jens Bogren. Ich persönlich bin gar kein großer Fan von Klassik-Metal, darum hab ich mir ein wenig Sorgen um den Sound gemacht. Das Endresultat ist jedoch ein frischer Sound.

Du bist also zufrieden damit?

Ja, aber ich würde nicht weiter in diese Richtung gehen wollen. Ich finde es zu massiv, zu viele Schichten. Dabei kommen mir die ursprünglichen Ideen zu kurz. Das Wichtigste sind Melodien und Soli. Es ist einfach, halbgare Ideen hinter einer massiven Klangwand zu verstecken.

Dann wird das nächste Album anders klingen?

Ich weiß es noch nicht. Wir haben noch nicht mit Jens Bogren gesprochen und ich hoffe schon, dass er auch das nächste Album produzieren wird. Aber wir haben noch nichts Neues komponiert.

Ihr seid dieses Jahr fast ununterbrochen auf Tour. Habt Ihr da überhaupt Zeit, an neuen Songs zu arbeiten?

Nein, das ist sonst zuviel. Manche Bands machen das vielleicht, aber die Jungs spielen gar nicht so viel wenn wir unterwegs sind. Ich denke, sie komponieren eher zuhause, wo sie auch die technische Austattung dazu haben. Wenn etwas fertig ist, schicken sie das herum und der Rest der Band bringt seine Ideen ein. Sobald es dann näher an die Aufnahmen geht, kommen wir zusammen und arbeiten die Ideen weiter aus.

Du hast Deine Bedenken für Orchestersounds erwähnt. Legst Du oder jemand anders in der Band dabei auch mal ein Veto ein, wenn eine Idee nicht so stimmig ist?

Nein, wir versuchen offen an die Songs heranzugehen. Wenn jemand eine Idee für Arrangements hat, ist das völlig in Ordnung. Und es war auch nichts gänzlich Radikales bei diesem Album. Natürlich gibt es Chöre und osteuropäische Einflüsse – aber es nicht total anders als das, was wir bisher gemacht haben. Mal sehen, was Jens Bogren nächstes Mal auf Lager hat. Er steht schon sehr auf diesen orchestralen Sound und osteuropäische Klänge.

Amorphis haben bereits in den 90ern Alben mit Klassikerstatus veröffentlicht, „Tales From The Thousand Lakes“ etwa. Ihr seid über die Jahre relevant geblieben. Was hat Euch angetrieben?

Ich weiß nicht. Vielleicht haben die Veränderungen im Bandgefüge eine Rolle gespielt. Jeder bringt etwas Persönliches in die Band mit ein. Tomi war ursprünglich unser Sänger. Dannach kam Pasi und übernahm für etwa zehn Jahre den Gesang. Dann kam ich dazu. „Eclipse“ war mein erstes Album mit Amorphis und wir haben etwas Neues entdeckt. Danach haben wir einfach immer versucht, besser zu werden, nicht, etwas komplett anderes zu machen.

Wie siehst Du die Entwicklung der Band?

Die Dinge sind für uns recht gut gelaufen. Es gab jetzt nicht den riesigen Durchbruch. Aber wir haben auch keine Rückschläge verkraften müssen. Wir machen das professionell und brauchen keine Nebenjobs. Wenn wir nicht auf Tour sind, können wir viel Zeit mit unseren Familien verbringen.

Wie übersteht Ihr es, auf Tour von Euren Familien getrennt zu sein?

Es ist natürlich hart, aber unsere Kinder sind daran gewöhnt und das Touren zahlt ja quasi unsere Gehälter. Es ist ein Job für uns, der auf eine Art natürlich langweilig ist. Aber es hilft, dass wir von einer Tour Geld mit nach Hause bringen. Die meisten Bands, die touren, müssen dafür Urlaub nehmen, müssen den Bandbus bezahlen – nur um zu spielen. Wenn Du nach einer Tour nichts als dreckige Klamotten im Gepäck hast – das muss hart sein.

Wie beurteilst Du den Zustand der Heavy-Metal-Szene?

Großartig. Es gibt viele gute Bands, eine Menge Konzerthallen, die Metal-Shows buchen, und jede Menge Festivals.

Ist Metal heute massentauglichler als noch vor 20 Jahren?

Als ich anfing, Metal zu hören, war es für mich Rebellion. Die Musik war damals sicherlich geheimnisvoller. Durch das Internet ist davon viel verloren gegangen. Wenn man unser Album „Tales From The Thousand Lakes“ von 1994 anhört, ist die Produktion auf eine Art ziemlich beschissen, wenn man sie mit heutigen vergleicht. Aber darin liegt natürlich der Reiz der Nostalgie. Manche Bands heute haben einen sehr sterilen Sound. Gut, auf „Queen of Time“ gibt es auch keine Spielfehler, was in den 90ern gang und gäbe war. Aber wenn man sich im Underground umschaut, gibt es da sehr viel Potenzial – speziell im Black und Death Metal. Es ist nur heute schwieriger zu finden.

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