Verena Boos eröffnet das Literarische Forum Oberschwaben

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Verena Boos liest aus ihrem Roman „Kirchberg“.
Verena Boos liest aus ihrem Roman „Kirchberg“. (Foto: Sascha Riethbaum)
Dorothee L. Schaefer

Verena Boos: Kirchberg, Roman, Aufbau Verlag, 2017, 366 S., geb., 22 Euro.

Es gehört zur Tradition beim Literarischen Forum Oberschwaben in Wangen, dass eine Lesung vorab auf das Wochenende einstimmt. Zum 57. Forum lud dessen Leiter Oswald Burger die in Rottweil geborene Schriftstellerin Verena Boos ins Weberzunfthaus, um aus ihren Werken zu lesen. Bereits 2012 hatte sie sich beim Forum in Wangen vorgestellt, dieses Jahr sitzt sie auch in der Jury. Am Freitagabend las sie aus ihrem zweiten Roman „Kirchberg“, der zum Teil in ihrem Heimatort spielt.

Mit dem im Aufbau Verlag erschienenen Roman „Blutorangen“ über die Verknüpfung von deutscher und spanischer Geschichte im spanischen Bürgerkrieg hatte Verena Boos 2015 ihr viel beachtetes Debüt als Romanautorin. Eigentlich kommt die 41-Jährige von der Zeitgeschichte her, außerdem hat sie anglo-amerikanische Literatur und Soziologie sowie Kulturwissenschaften studiert. Studien- und Arbeitsaufenthalte in Bologna und Florenz, Glasgow und London, Barcelona und Valencia, München, Frankfurt, Konstanz haben sie sprachlich geprägt. Nach 20 Jahren im Inland und im europäischen Ausland ist sie vor einem guten Jahr nach Rottweil zurückgekehrt.

Einsprengsel aus vielen Sprachen

Diesen Teil der Biografie teilt sie auch mit der Protagonistin Hannah ihres neuen Romans „Kirchberg“, der wieder von drei Generationen erzählt und auch in mehreren Sprachen zu Hause ist. Schwäbisch-alemannische Einsprengsel („Griesi“ für Kirschen) und Redewendungen („liegen ihr auf der Zunge wie heiße Linsen“) finden sich darin ebenso wie italienische. Diese Sprache spricht Hannahs Lebensfreund Patrizio, Sohn italienischer Gastarbeiter. Und Italienisch wird nach ihrem Hirnschlag, nach dem sie an einer Aphasie leidet, zu Hannahs Sprachheimat.

Vier Kapitel liest die Autorin, und dass sie die Dialoge des Romans in einer manchmal fast atemlosen Schnelligkeit in die Jetztzeit stellt, sie unmittelbar auch so spricht, als würde man einem Gespräch zuhören, wirkt gar nicht wie Prosa. Es ist stattdessen ein Versuch der Verschmelzung, über die gesprochene, jeweils generationentypische Sprache die Zeiten des Romans zu verbinden. Die beginnen in den 1970er-Jahren, als Hannah als ungewolltes Kind der ledigen Maria geboren und von deren Eltern erzogen wird. Mit der Figur des Patrizio ist die Gastarbeiterthematik verbunden und die Frage nach der Bedeutung von Kultur und Heimat. Mit seinem Beruf des Comiczeichners eine zeitgenössisch visuelle Ebene. Zum Roman gibt es übrigens auch Zeichnungen und eine Playlist unterschiedlichster Musik, mit denen Verena Boos – als würde sie allein den Worten nicht alles zutrauen – wohl einen inneren Film im Betrachter auslösen möchte.

Im Gespräch wirkt sie bodenständig, zu Hause spreche sie Dialekt, und die schwäbischen Ausdrücke wähle sie mit Bedacht so aus, dass sie in der Umschrift „nicht folkloristisch“ aussähen. Ihr Lebensthema, so sagte sie vor einiger Zeit in einem Interview, habe sie in der Dialektik von „Erinnerung und Vergessen“ gefunden. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Boos als Journalistin und Referentin der akademischen Gedächtnisforschung und Mitglied der Frankfurt Memory Studies Platform die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs auf. Dadurch, dass immer mehr Massengräber aus dieser Zeit entdeckt werden, wird diese Arbeit nicht so schnell enden.

Verena Boos: Kirchberg, Roman, Aufbau Verlag, 2017, 366 S., geb., 22 Euro.

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