Verdis Oper „Otello“ in Baden-Baden

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Der Intrigant Jago (Vladimir Stoyanov, Mitte) behauptet, Cassio (Francesco Demuro, re.) habe eine Affäre mit Desdemona (Sonya Yo
Der Intrigant Jago (Vladimir Stoyanov, Mitte) behauptet, Cassio (Francesco Demuro, re.) habe eine Affäre mit Desdemona (Sonya Yoncheva). (Foto: Lucie Jansch)

Verdi wollte seine Oper über Shakespeares tragischen Helden Othello eigentlich „Jago“ nennen. Die Neu-Inszenierung bei den Osterfestspielen in Baden-Baden hätte das gerechtfertigt. Denn Vladimir Stoyanov gestaltet die Rolle des Finsterlings so packend, dass er der Titelfigur die Show stiehlt. Das Bregenzer Festspielpublikum kann sich also freuen: Denn der bulgarische Bariton wird diesen Sommer den Rigoletto auf der Seebühne singen.

Aus Shakespeares „Othello“ wird bei Verdi „Otello“. Die Oper ist ein Spätwerk. Nach der Premiere 1887 in Mailand sollen junge Männer die Pferde abgespannt und die Kutsche mit dem Meister im Triumphzug von der Scala zum Hotel gezogen haben. Verdis Librettist Arrigo Boito ist mit Shakespeares Vorlage sehr frei umgegangen: Für den Intriganten Jago hat er ein gotteslästerliches Bekenntnis zur Macht des Bösen geschrieben. Den ersten Akt des Shakespeare-Dramas hat der Librettist gestrichen: Da kämpft Desdemona, Tochter des Dogen von Venedig, um ihre Liebe zu dem dunkelhäutigen Sklaven Othello, der es zum Feldherrn gebracht hat. Heutige Operninszenierungen werden mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert. Darf man den Otello-Sänger schwarz schminken? Für Robert Wilson spielt das keine Rolle. Egal welches Stück – der Regisseur lässt die Darsteller immer im Stile des japanischen Theaters weiß schminken. Mimik ist nicht erwünscht, die Gestik wird formalisiert. Wobei man dem Altmeister des Ritualtheaters dafür dankbar sein muss, wirken die Handbewegungen von Sängern doch oft nur unbeholfen.

Auch sonst ist dieser „Otello“ ein typischer Wilson, inzwischen aber wohl von einem fast zehnköpfigen Team hergestellt. Beim Schlussapplaus verneigen sich viele Menschen gemeinsam mit dem alten Meister. Wie immer wird mit monochromen Flächen gearbeitet, die zur Dramatik der Musik wechseln, von Rot auf Grün oder tiefes Blau.

Der sterbende Elefant

Wilson wird im Programmheft zitiert, man müsse bei Verdis Bombastik „kalt bleiben, wie Feuer und Eis auf einmal. Jedes Illustrieren ist überflüssig“. Ja eben. Doch dann schweben Treppen und Säulen vom Schnürboden, um so unmotiviert, wie sie auftauchen, wieder zu verschwinden. Solch illustrativer Kitsch läuft Wilsons eigenem Konzept ebenso zuwider wie der Elefant, dem wir beim Sterben zusehen, ehe der erste Ton erklingt. Das Programmheft versucht, die Entstehungszeit der Oper mit dem italienischen Imperialismus in Afrika kurzuschließen. Doch was hat ein indischer Elefant mit Afrika zu tun?

Von einer weitergehenden Interpretation wird das Festspielpublikum nicht belästigt. Es kann sich ungestört der fabelhaften Musik hingeben. Die Berliner Philharmoniker spielen unter Leitung des erfahrenen Zubin Mehta langsam, farbenreich, gelegentlich auch spannungsarm. Der Philharmonie Chor Wien singt glänzend. Stuart Skelton hatte als Otello bei der Premiere nicht seinen besten Tag. Der australische Tenor kämpfte mit den Höhen. Sonya Yoncheva setzt als Desdemona anfangs auf Kraft und Lautstärke, ist aber im letzten Akt dann doch berührend. Den größten Eindruck im geschlossen wirkenden Ensemble hinterlässt Vladimir Stoyanov – nicht nur sängerisch. Die Bösen sind einfach die interessantesten Typen auf der Bühne.

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