Uraufführung von Michael Riesslers Filmmusik begeistert aufgenommen

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Michael Riessler
Michael Riessler (Foto: kjchn)
Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Michael Riessler, Klarinettist und Komponist und 1957 in Ulm geboren, ist ein begeisterter Cineast. Bereits in den 1980er-Jahren zog es ihn zur Filmmusik, zu Theater- und Hörspielmusiken. 2014 lieferte er zum Beispiel den Soundtrack zu Edgar Reitz’ „Die andere Heimat“. Nun brachte er im Ulmer Stadthaus seine Filmmusik zu dem ungarischen, 1918 entstandenen Stummfilm „Der Rote Halbmond“ in Quartettbesetzung zur Uraufführung.

Als Auftragswerk des Ulmer Vereins für moderne Musik und als ein Gemeinschaftsprojekt mit dem ZDF/arte unter dem Thema „Jazz an der Donau“ hatten Vereinsvorsitzender Raimund Kast, Nina Goslar (arte-Stummfilmredaktion) und Michael Riessler den einzigen, noch erhaltenen Stummfilm aus dem Frühwerk von Sándor Korda ausgewählt. Dieser ungarische Regisseur und Filmpionier hatte nach 1919 in Österreich, Berlin, Hollywood, Paris und London als Alexander Korda und als Produzent weltberühmter Filme („Der Dieb von Bagdad“, „Der dritte Mann“) Karriere gemacht. Mit „Der Rote Halbmond“ verfilmte er den damals berühmten, 1875 publizierten Abenteuerroman des ungarischen Schriftstellers Mór Jókai in einem Opus von viereinhalb Stunden. Das ist nur in einer gekürzten deutschen Exportfassung von 82 Minuten erhalten. Es blieb also von den gerühmten Landschaftspassagen in dieser Version wohl nur wenig übrig. Die abenteuerliche Liebesgeschichte um den Donaukapitän Michael Timar ist vor allem als Zeitdokument der sterbenden Donaumonarchie interessant.

Michael Riessler hatte bereits vorher betont, dass er den Film eher als Begleitung seiner Musik ansehe. Bei diesem Wechselbad von Qualität – zwischen Film-Räuberpistole und feinst ausgearbeiteter Komposition – muss man aber fragen, ob es den Film gebraucht hätte. Denn das hervorragende Quartett aus dem Bassklarinettisten Michael Riessler, der kroatischen Cellistin Monika Leskovar, der ungarischen Cimbalom-Spielerin Beáta Móri und dem französischen Akkordeonisten Jean-Louis Matinier beansprucht eigentlich schon wegen dieser außerordentlichen Besetzung die ganze Aufmerksamkeit. Natürlich folgt die Musik den dramatischen Ereignissen auf der Leinwand bisweilen mit mehr Tempo oder rhythmisiert sie auf eigene Art.

Aber meist belässt Riessler es bei kleinen Anspielungen auf barocke Stimmungsmalerei, auf krasse Tango-Rhythmik, die vom Akkordeon kommt, auf die raumhaltigen Töne des Cellos. Das ungarische Pedalzymbalon entwickelt unter den Filzklöppeln seinen sphärischen Klang. Die warmtonige Bassklarinette verwendet Riessler einmal rein perkussiv. Insgesamt eine auf die natürliche Akustik vertrauende, großartig vielseitige und vielfarbige Komposition, virtuos und musikalisch eigenständig, die sich vom Film wohl eher emotional als intellektuell anregen ließ. Das zahlreiche Publikum spendete ehrlich begeisterten Beifall.

Die Uraufführung wird am 5. Dezember 2016 um 23.35 Uhr auf arte ausgestrahlt, auch unter www.cinema.arte.tv

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