Uraufführung eröffnet Donaufest: „Treibgut“ von Alexander Balanescu am Theater Ulm

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Die Wassermassen steigen, übrig bleiben werden nur Granny (Maria Rosendorfsky, Sopran) und Baby (Thorsten Sigurdsson, Tenor).
Die Wassermassen steigen, übrig bleiben werden nur Granny (Maria Rosendorfsky, Sopran) und Baby (Thorsten Sigurdsson, Tenor). (Foto: Hermann Posch)
Schwäbische Zeitung
Günter Buhles

Dieses „Treibgut“ hat den umgekehrten Weg genommen: vom Mündungsdelta des Stroms donauaufwärts nach Ulm. Der rumänisch-jüdische Geiger und Komponist Alexander Balanescu – ein Weltstar neuer Crossover-Musik – schrieb das Ballettstück mit Gesang für das Theater Ulm. Zum Auftakt des Donaufestes wurde es uraufgeführt. Mit seinem Streichquartett ist der Komponist selbst Teil des Abends, bei dem Roberto Scafati (Choreografie), Matthias Kaiser (Regie) und Hendrik Haas (musikalische Leitung) zusammenarbeiteten.

Aus dem Orchestergraben erklingt zu Beginn nur ein endlos langer Geigenton im Diskant, den Balanescu bald mit Trillern umgarnt. Ganz allmählich entwickelt das Philharmonische Orchester eine Klangfläche, die sich um textlosen Gesang des Chores aus dem Off ausweitet. Dies ist eine Art von New Age Music Prolog. Und passend dazu taucht langsam aus einem Lichtpunkt im dunklen Hintergrund eine sich drehende Weltkugel auf, die zur Pupille eines riesigen Auges wird (Videos: Karlheinz Fohlert). In bläulichem Licht tritt das Ballett auf, das Ulmer Corps um Gäste aus Osteuropa auf 18Tänzer vergrößert. Das allein ist für die Ulmer Bühne ein Ereignis.

Vor der Rückwand, die mal wie ein tiefblauer Himmel, mal wie eine Stadtmauer wirkt, die Wolken oder Wasser andeutet (Bühne: Marianne Hollenstein), agiert das Ballett in graublauen Gewändern, zum Teil wie Fledermausflügel gespreizt, dann mit Plastikfolien verhüllt (Kostüme: Gabriele Frauendorf). Wir erleben in „Interludes“ und vier „Blöcken“ Geschichten aus dem Leben, dem Lieben und Leiden der Donauvölker. Dies in vitalen Ensembles oder auch in ruhigen Pas de deux und kurzen Soli. Zu Standard-Motionen treten Kriechen, Robben, Rutschen. Die Grundstimmung ist sanft melancholisch bei minimalistischer Musik, die in der ersten Hälfte des Abends ob ihrer Dauer und Dünne auch mal Langweile erzeugen kann.

Herbe Elegien

Mehr zu faszinieren vermögen herbe Elegien, zu denen das über dem Graben platzierte Quartett und ein Folklore-Duo mit dem Knopfakkordeon Bajan sowie dem Zymbal farbige Klänge beitragen. Packend sind die im zweiten Teil – nach einem autobiografischen Monolog Alexander Balanescus im Zentrum – häufigeren dramatischen Phasen. Grell bunte Tupfer setzen die beiden Komiker Granny (Maria Rosendorfsky, Sopran) und Baby (Thorsten Sigurdsson, Tenor), sie als Kinderwagen schiebende Edelzicke, er als Baby in weißem Mozart-Outfit. Die Beiden haben bei ihren Auftritten viel zu gackern, zu gurren, zu schwatzen und zu singen. Sei es auf Englisch, auf Deutsch oder – vorzugsweise – einfach ohne irgendeinen Sinn.

Sehr wirkungsvoll versinkt der Bühnenboden unter den Tänzern. Dann wird das Geschehen als schemenhaftes Gebilde per Video auf die Wand übertragen. Oder es ist, als ob eine Menschenmenge im Meer versinke. Wir ahnen eh, dass die Wassermassen ständig steigen. Dass sie mit dem Treibgut auf das Wehr drücken, bis die Mauer bricht. Und dann ergießt sich die Sturmflut wild und unaufhaltsam über die Rückwand . Nur das Pärchen und ihr Kinderwagen bleiben übrig. Eine Hoffnung für die Zukunft?

Weitere Aufführungen: 3., 5., 7., 8. Juli, Karten über www.theater.ulm.de

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