Unheil liegt in der Luft

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 Der schöne Schein trügt: Miles (Thomas Deazley) mit Gouvernante (Layla Claire).
Der schöne Schein trügt: Miles (Thomas Deazley) mit Gouvernante (Layla Claire). (Foto: Monika Rittershaus)
Schwäbische Zeitung
Werner M. Grimmel

Die Lektüre von Henry James’ Novelle „The Turn of the Screw“ ist jetzt als Oper in Zürich zu sehen. Eine Neuproduktion, die durchweg gelungen ist.

Was geht hier eigentlich vor? So fragt sich nicht nur die Hauptfigur von Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“. Als junge Gouvernante übernimmt sie für einen dubiosen Auftraggeber die Erziehung zweier elternloser Kinder in einem abgelegenen Landhaus. Doch auch wer Jan Eßingers neue Inszenierung des Stücks am Opernhaus Zürich sieht, kommt immer wieder ins Grübeln. Alles bleibt vieldeutig. Nichts wird direkt ausgesprochen. Unheil liegt in der Luft.

Ein finsterer Geselle erscheint nachts der Gouvernante. Oder träumt sie nur von ihm? Er übt offenbar bedrohlichen Einfluss auf den kleinen Miles aus, den sie zusammen mit dessen Schwester Flora betreut. Die Haushälterin behauptet, es müsse sich um den Geist des früheren Dieners Quint handeln. Bald spukt auch die ehemalige Gouvernante im Landhaus herum. Sie sei einst Quint verfallen und von ihm in den Tod getrieben worden. Vergeblich versucht ihre Nachfolgerin, die Kinder zu schützen.

Vielschichtige Gruselgeschichte

Das Stück endet mit dem mysteriösen Tod von Miles. Wie es dazu kommt, bleibt unklar. Viele Erklärungen sind denkbar. Das Publikum muss sich seinen eigenen Reim darauf machen. Myfanwy Pipers Libretto für Brittens „The Turn of the Screw“ basiert auf der gleichnamigen Novelle von Henry James. Schon der Titel dieser vielschichtig angelegten Gruselstory ist mehrdeutig. Wörtliche Übersetzungen wie „Das Drehen der Schraube“, ihr „Überdrehen“ oder „Durchdrehen“ verweisen auf die ständige Zuspitzung der geschilderten Situation. Und dank der Musik kommt das abgründige Geschehen eindringlich zur Geltung.

Durch einen vorangestellten Prolog hat Britten die Handlung seiner zweiaktigen Oper zusätzlich verrätselt. Ein Erzähler berichtet, er habe von einem Lebemann eine Geschichte aus dem Tagebuch einer Gouvernante gehört. Letztere entpuppt sich als die Hauptfigur, der Lebemann als ihr damals junger Auftraggeber Douglas. Eßingers Inszenierung deutet jedoch an, dass der Erzähler mehr weiß, als er vorgibt. Bei seinem Prolog tritt er nämlich auch als Douglas selbst auf, der sich wiederum als Onkel von Miles und Flora vorstellt.

Von der jungen Gouvernante verlangt Douglas, sie soll ihn in Zukunft auf keinen Fall belästigen, wenn sie den Job haben wolle. Er will also nichts von den beiden Waisenkindern wissen, obwohl er ihr einziger näherer Verwandter ist. Merkwürdigerweise verliebt sich die schüchterne Angestellte just in diesen unsympathischen, nachgerade sadistisch wirkenden Typ, der im weiteren Verlauf wie ein negativer Deus ex Machina gar nicht mehr auftaucht, aber doch als ungreifbare Instanz präsent bleibt.

Die Sache wird jedoch noch komplizierter. Bei der Uraufführung des Stücks vor genau 60 Jahren ließ Britten seinen Freund Peter Pears nicht nur die Partie des herumgeisternden Quint, sondern auch die des Erzählers im Prolog singen. Sollte es am Ende der böse Onkel sein, der als angeblicher Geist von Quint sein reales Unwesen im Landhaus treibt und seinem Neffen Miles als Pädophiler nachstellt? Steht das Landhaus für einen geschützten Ort oder für die Welt des Bösen? Das alles bleibt auch bei Eßinger offen.

Wolfgang Gussmann hat das kongenial optisch umgesetzt. Eine schicke Bauhaus-Villa gemahnt an Bilder von Edward Hopper. Drei kahle, aseptisch weiße Wände umrahmen einen fast leeren Raum. Ein weißer Flügel steht darin. Draußen ist es dunkel. An Geld fehlt es hier nicht. Dennoch wirken die artig gekleideten Kinder wie verloren (Kostüme: Gussmann und Susana Mendoza). Die Darsteller werfen unheimliche Schatten (Licht: Franck Evin). Filmschnittartig trennt ein schwarzer Vorhang die Szenen, die immer nur Teilperspektiven zeigen.

Quint (Pavol Breslik mit beweglichem Tenor) scheint eine magische Anziehungskraft auf Miles zu haben. Wann immer der Verführer irgendwo lauert, bewegt sich der Knabe langsam rückwärts zu ihm hin. James Dillon hat die schwierige Rolle von Miles vokal und szenisch perfekt einstudiert. Großartig gestaltet Layla Claire die Partie der gutmütigen, letztlich hilflosen Gouvernante. Giselle Allen als Geist der Vorgängerin, Hedwig Fassbender (Haushälterin) und Tabitha Tucker (Flora) singen brillant. Constantin Trinks dirigiert Brittens farbige Partitur souverän.

Weitere Vorstellungen sind am 7., 9., 12., 14., 16., 19. und 23. November. Karten gibt es im Internet unter: www.opernhaus.ch

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