Und jetzt das Dante-Jahr

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 Auch wenn Dante einst seine Heimatstadt Florenz verlassen musste, wird der Dichter dort längst an prominenter Stelle verehrt. I
Auch wenn Dante einst seine Heimatstadt Florenz verlassen musste, wird der Dichter dort längst an prominenter Stelle verehrt. Im Dom ist das wundervolle Fresco von Domenico di Michelino zu sehen, das den Dichter umgeben von Motiven aus seiner „Divina Commedia“ zeigt. (Foto: Imago Images)
Christa Sigg

„Uomo dell‘anno“ bejubelt ihn „La Repubblica“, die einflussreichste italienische Tageszeitung. Und das ist auf gar keinen Fall übertrieben. Wer 700 Jahre nach seinem Tod als „Mann des Jahres“ bezeichnet wird, hat diesen Titel mehr als verdient. Eher müsste man bei Dante Alighieri von einem Mann des Millenniums sprechen. So sehr geistert er durch die Jahrhunderte und wird immer wieder neu entdeckt und – auch das ist erstaunlich – sofort erkannt. Selbst wer noch nie einen seiner Verse gelesen hat, bringt das scharf geschnittene, fast ausgemergelte Konterfei unter einer roten phrygischen Mütze mit Dante in Verbindung.

Wobei man nicht verschweigen darf, dass seit ein paar Jahren außerdem ein brasilianischer Fußballspieler die Suchmaschinen dominiert. Dante Bonfim Costa Santos mit vollem Namen hat mit dem FC Bayern ein paar schöne Titel erkickt. Über die 1:7-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im Halbfinale der WM 2014 wird er damals aber sofort das Trikot des Schweigens geworfen haben. Ein buchstäbliches Inferno war das für ihn und seine fußballmanischen Landsleute. Aber das ist neben dem klangvollen Namen vermutlich die einzige Verbindung zum florentinischen Großdichter und Philosophen.

Dantes Tour durch die Hölle – und jetzt sind wir wieder beim Italiener – bildet den ersten Teil seiner „Divina Commedia“ oder „Göttlichen Komödie“. Geführt vom römischen Dichter Vergil durchschreitet er weit im Inneren der Erde neun Kreise der Qual. Dort sitzen die übelsten Schurken, das sind bei einem hoch gebildeten Mann diejenigen, für die „die geistigen Werte“ keine Rolle spielen, also Betrüger, Gewalttätige und überhaupt schlimme Sünder. Doch es geht auf dieser Expedition im Jenseits noch weiter durchs Fegefeuer und schließlich ins Paradies, wo Dante von seiner angebeteten Beatrice durch neun himmlische Sphären geleitet wird.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat Giovanni Boccaccio mit seiner Biografie einen regelrechten Kult um den von ihm so bewunderten Vorgänger entfacht und ihn ganz bewusst zum Renaissance-Humanisten stilisiert. Doch Dantes Kosmos ist viel mehr im Mittelalter und in der Scholastik eines Thomas von Aquin verhaftet und seine Commedia großes Welttheater mit universalem Anspruch. Das unterstreicht am Ende die Schau der Dreifaltigkeit und die Verbindung seiner Seele mit der Liebe Gottes. Darunter tut es ein Dante nicht, zugleich bleibt die theologische Verankerung maßgebend.

Fast 15 Jahre lang hat er an seinem Opus magnum gefeilt und es kurz vor seinem Tod am 14. September 1321 in Ravenna vollendet. Für die Italiener ist die Commedia, die nun wirklich nichts mit einer Komödie gemein hat, schon deshalb so fundamental wichtig, weil Dante nicht wie seinerzeit üblich in lateinischer, sondern in italienischer Sprache geschrieben hat. Damit steht das Werk am Beginn der italienischen Literatur und bietet nicht zuletzt einem zersplitterten Land die Möglichkeit einer Identifikation. Dass Stadtstaaten und Fürstentümer noch jahrhundertelang gegeneinander ins Feld ziehen, braucht dem nicht zu widersprechen.

Dante selbst hat sich immer wieder in die Politik eingemischt, ja sogar 1289 an der legendären Schlacht von Campaldino teilgenommen: Die Guelfen seiner Heimatstadt Florenz schlugen damals die Ghibellinen, die Arezzo und Pisa beherrschten. Fünf Jahre später übernimmt Dante zudem ein politisches Amt und wird Capitano del Popolo, eine Art Stadthauptmann, dann Mitglied des sogenannten Priorats und damit des obersten Gremiums von Florenz, verbunden mit diplomatischen Einsätzen. Es geht in diesen Zeiten turbulent zu, wer zu welcher Partei gehört, wer zum Papst oder zum Kaiser hält, ist kaum noch auszumachen. Dante setzt sich für die Autonomie von Florenz gegenüber dem römischen Lateran ein. Doch als im Jahr 1300 ein päpstlicher Legat in der Stadt eintrifft, kommt es zu Aufständen – und in der Folge zum Kirchenbann.

Auch Dante muss ins Exil, ihm drohte darüber hinaus der Scheiterhaufen. Und überhaupt ist die Quellenlage äußerst verwirrend, zumal in seinem Werk dauernd Orte und Personen genannt werden, sodass bald jedes italienische Dorf behaupten darf, irgendwann vom Dichterhelden besucht worden zu sein. Deshalb werden die Feierlichkeiten zum 700. Todesjahr zum flächendeckenden Großevent. Mit coronabedingten Abstrichen, versteht sich.

Florenz dürfte allerdings im Mittelpunkt stehen, hier wurde Dante im Mai oder Juni 1265 in eine Kaufmannsfamilie aus niederem Adel geboren. Der Vater war Geldverleiher und ermöglichte dem wissbegierigen Sohn eine Ausbildung in den verschiedensten Bereichen, vor allem der Philosophie und Theologie. In Florenz ist der junge Dante auch seinem Engel Beatrice begegnet, aber die junge Frau war längst einem anderen versprochen und – noch tragischer – starb mit nur 24 Jahren an einer Seuche. Wie später Petrarca sein weibliches Ideal Donna Laura besingen wird, hat auch Dante die allerinnigsten Verse für die unerreichbare Geliebte gedichtet, etwa mit „Vita nuova“, einer Sammlung von Sonetten und Kanzonen.

Heute liegen regelmäßig Rosen auf ihrem Grab in der Kirche Santa Margherita dei Cerchi. Und mehr noch Zettelchen von Verliebten – oder Hoffenden. Man weiß freilich nicht einmal, ob Dantes Beatrice womöglich doch dem Reich der dichterischen Fantasie entsprungen ist. Ganz ungeachtet dessen war Dante mit einer gewissen Gemma di Manetto Donati verheiratet und immerhin Vater von vier Kindern. Nur erwähnt er die Familie mit keiner einzigen Zeile. So ganz glücklich dürfte die Ehe auch nicht gewesen sein, Gemma ist ihrem Mann nicht ins Exil gefolgt. Ob man ihr das verdenken kann bei einem Gatten, der in einem fort von einer anderen schwärmt?

Jedenfalls blieb Gemma in Florenz, das sich nach dem Erfolg der „Divina Commedia“ im Lauf der Jahrhunderte mit Ravenna um die letzten Überreste streiten sollte. Dantes Gebeine gingen nicht in seine Vaterstadt, dennoch hat man ihm dort 1829 in der Kirche Santa Croce ein monumentales Grabmal errichtet. Und auf der Piazza vor der Basilika blickt der einst Geschmähte von seinem Sockel auf die Passanten herab – wie immer mürrisch.

Das ändert nichts an der Wertschätzung, die Dante gerade in Florenz entgegengebracht wird. In den Uffizien ist das Jubiläumsjahr gleich mit einer besonderen Kostbarkeit eröffnet worden: Online kann man sich durch die Illustrationen des Manieristen Federico Zuccari zu Dantes „Commedia“ klicken. Das ist toller Stoff, zu dem es derzeit nur italienische Erläuterungen gibt. Die englischen Texte sollen aber bald folgen, Dante ist und bleibt ein Großer, und die Uffizien wollen ihr internationales Publikum ja doch bei der Stange halten.

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