Ulm: Mozart-Oper als Dating-Spaß

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Don Alfonso (Don Lee) ( und Despina (Maria Rosendorfsky)
Werner M. Grimmel

Don Alfonso als Dating-Experte, Mozarts Oper als modernes Drama um die richtige Partnerwahl: „Così fan tutte“ begeistert am Ulmer Theater.

Längst hat sich in Regietheaterkreisen herumgesprochen, dass man Opernaufführungen schon vor der Ouvertüre bei offenem Vorhang mit einer herumwerkelnden Putzfrau starten kann. Auch Antje Schupp ist für ihre Inszenierung von „Così fan tutte“ am Ulmer Theater kein originellerer Anfang eingefallen. Wenn man hereinkommt, ist die Zofe Despina (Maria Rosendorfsky) bereits mit rotem Staubsauger und farblich dazu passenden Pumps im Parkett unterwegs. Doch trotz des einfallslosen Vorspiels entwickelt Schupp Mozarts musikalisches Partnertausch-Experiment doch noch ebenso munter wie hintersinnig.

Auf der Bühnenrückwand werben riesige Anzeigen für ein neues Buch des Sexual- und Paartherapeuten Dr. Don Alfonso. „So machen’s alle (Frauen) – ein Ratgeber für Männer“ würde der Titel in deutscher Übersetzung lauten.

Don Alfonso (Don Lee) legt sich höchstpersönlich ins Zeug. Eloquent schwafelt er in seiner Muttersprache von Veränderungen bei der Partnerwahl in Zeiten des Internets und vom überholten Ideal lebenslanger Treue. Romantische Liebe sei nicht nur out, sondern sozusagen mausetot.

Da spricht nicht der alte Zyniker Alfonso, wie ihn Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte gezeichnet hat, sondern ein recht jugendlicher Social-Media-Freak. Der Ulmer Generalmusikdirektor Timo Handschuh unterstützt den Redeschwall dieses von seinen Theorien überzeugten Dating-Experten effektvoll mit improvisierten Cembaloeinwürfen. „Frauen gehen fremd, dass sich die (Bett-)Latten biegen“, doziert der Fachmann für Paarproblematik. Zur Ouvertüre werden Rezensionen seines Bestsellers eingeblendet.

In einer Rotlichtbar treffen sich danach die beiden Offiziere Guglielmo (Kwang-Keun Lee) und Ferrando (Thorsten Sigurdsson) mit Alfonso und wetten auf die Treue ihrer Verlobten Fiordiligi (Edith Lorans) und Dorabella (Chiao Shih). Eine leichtbekleidete Tabledance-Dame (Zuzana Fucikova) zeigt muskulöse Stangenkunststücke zu Mozarts betörender Musik. Im Hintergrund kann man auf großer Video-Leinwand (Alexander Lischka) den Facebook-Chat der Angebeteten verfolgen. Ergänzende Filmchen und Fotos muten anfangs etwas dilettantisch an.

Mona Hapke (Bühne und Kostüme) ist es gelungen, die Komödie glaubhaft zwischen TV-Serien à la „Sex and the City“ und digitaler Kommunikationsgewohnheiten anzusiedeln. Auch darstellerisch hat die Produktion Format (Körpertraining: Anna Melnikova). Nach klamaukigem Beginn und szenischen Durchhängern vor der Pause gewinnt das übermütige Spiel mit Beziehungskonstellationen subtile Tiefe und Stringenz. Leider wird nach der Pause der Chat-Faden nicht weitergesponnen. Die Video-Ebene ist nun aber triftiger eingesetzt. Am Ende widersprechen gepostete Fotos verstörter Gesichter allen Appellen Alfonsos an positives Denken.

Präzises Dirigat

Rosendorfsky brilliert als deftige Prekariats-Despina. Chiao Shih spielt Dorabella als hysterisch exaltierte Tussi. Edith Lorans artikuliert Fiordiligis Skrupel mit feinen Zwischentönen. Lee und Sigurdsson treffen stimmlich alle Nuancen für die Achterbahnfahrt der Gefühle, in die sie sich vom smarten Alfonso locken lassen. Timo Handschuh dirigiert das hochgefahrene, gelegentlich etwas etwas dumpf klingende Philharmonisches Orchester der Stadt Ulm präzise. Bei Rezitativen übernimmt er zudem souverän die Rolle des theatertauglich begleitenden Cembalisten.

Weitere Vorstellungen: 31. März, 4., 10., 19., 23. und 25. April, 15., 22. und 25. Mai, 3., 6. und 10. Juni.

Theater Ulm, Karten unter Tel.: 0731/161-4444 oder theater.ulm.de/kartenkauf

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