Typisch Marthaler: „Hoffmanns Erzählungen“ in Stuttgart

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Schwäbische Zeitung
Werner M. Grimmel

Zum ersten Mal ist eine Inszenierung des Schweizer Kultregisseurs Christoph Marthaler an der Stuttgarter Staatsoper zu erleben. „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach dauert in dieser Version inklusive Pausen vier Stunden. Die Bühnenausstattung hat Marthalers langjährige Mitarbeiterin Anna Viebrock entworfen. Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling dirigiert. Die Koproduktion mit dem Teatro Real in Madrid wurde dort bereits vor zwei Jahren gezeigt. Nach der Stuttgarter Premiere gab es nun einhelligen Applaus.

Offenbach hat seine letzte Oper mit dem Originaltitel „Les contes d’Hoffmann“ unvollendet hinterlassen. Nach seinem Tod wurde das Künstlerdrama von fremder Hand bearbeitet und 1881 in Paris uraufgeführt. Eine vom Komponisten selbst abgesegnete Endfassung der Partitur gibt es nicht. Bei jeder Darbietung muss man sich deshalb musikalisch und in der Szenenfolge zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden. Für Marthalers Inszenierung hat Cambreling aufgrund der erhaltenen Quellen eine eigene Einrichtung erarbeitet.

Beschädigte Gestalten

Die Bühnenräume der Madrider Produktion mussten für Stuttgart verkleinert werden. Anna Viebrock hat mit Charlotte Pistorius ihre Kostümentwürfe weiterentwickelt. Wie gewohnt werden Hässlichkeitsrekorde bei Farben und Schnitten aufgestellt. Alles ist penibel ausgesucht aus Altkleiderkammern der Vor- und Nachkriegszeit. Scheußliche Kittelschürzen konkurrieren mit verwegenen Frisuren oder ausgebeulten Hosen in falschen Größen.

Anregungen haben sich Marthaler und Viebrock bei französischen Surrealisten geholt. Im ersten und zweiten Akt blicken wir in einen großer Zeichensaal. Nackte Aktmodelle räkeln sich vor fleißig skizzierenden Studenten. An der Bühnenrückwand hängt eine zeigerlose Uhr. Darunter blinken ab und zu die Piktogramme eines weinenden und eines lachenden Auges. Ihre Botschaft ist klar.

Links hinten lockt eine Bar mit geistreichen Getränken. Alte Sicherungskästen signalisieren instabile elektrische Verhältnisse. In der Tat fällt öfter der Strom aus. Der Vorhang will sich nicht heben. Schließlich klappt es doch. Ein Billardsaal kommt ins Blickfeld. Giulietta hält in einer Spielhölle Hof. Keine Spur von Venedig und Gondeln.

In diesen optisch grandiosen Räumen sitzen beschädigte Gestalten. Die Darsteller haben die üblichen Marthaler’schen Ticks, zucken notorisch mit der Schulter, eine Frau klettert wie ein Gecko an Säulen oder Wänden hoch. Kellner kriechen wie Raupen am Boden.

Auf Dauer jedoch nerven diese immer gleichen szenischen Zutaten. Marthaler pflegt sie als Markenzeichen, egal ob er ein Theaterstück oder eine Oper inszeniert. Während bei seinen eigenen Stücken solche grotesken Elemente eine stimmige surreale Atmosphäre schaffen, greifen sie hier oft ins Leere. Die vorgegebene Zeitstruktur einer Partitur steht ihrer Wirkung im Weg. Bewegungsabläufe werden zu oft wiederholt. Langeweile macht sich breit.

Endlose anderthalb Stunden zieht sich der Prolog und der Olympia-Akt. Die Geschichte will nicht in Gang kommen. Gags geraten zu Sparwitzen, Slapsticks werden zu Tode geritten. Der zweite Akt gelingt deutlich besser. Das Terzett mit Mandy Friedrich (Antonia), Maria Theresa Ullrich (ihre Mutter) und Alex Esposito (Mirakel) ist ein Höhepunkt. Esposito gibt auch als Lindorf, Coppélius und Dapertutto eine brillante Vorstellung.

Marc Laho schlurft als Hoffmann mit Turnschuhen und Händen in den Hosentaschen über die Szene. Seine mörderische Partie bewältigt er souverän, zeigt aber im zweiten Akt vorübergehend konditionelle Schwächen. Sophie Marilley, als seine Muse eine schnapsergebene Obdachlose, singt anfangs etwas gaumig, findet dann aber zu starker Präsenz. Hervorragende vokale und schauspielerische Leistungen bieten auch Torsten Hofmann (Andres), Ana Durlovski (Olympia) und Simone Schneider (Giulietta).

Cambreling steuert das Orchester sicher durch die Partitur, gelegentliche Wackler, Schwerfälligkeiten und Unreinheiten inbegriffen. Altea Garrido (Choreografie) darf als Stella am Ende eine wütende Schimpftirade auf Hoffmann vom Stapel lassen. Leider rezitiert sie den Text von Fernando Pessoa etwas brav, in dem Künstler als „epileptoider Sauhaufen“ tituliert werden. Insgesamt hätten Kürzungen dieser Produktion nicht geschadet. Stefan Herheims fulminante Bregenzer Inszenierung im vergangenen Sommer war da gelungener.

Weitere Vorstellungen: 24. März, 3., 10., 15., 23. und 30. April, 4. Mai; Kartentelefon: (0711) 202090. www.oper-stuttgart.de

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