Turandot regiert wie Kim Jong-un

Lesedauer: 4 Min
Die treue Sklavin Liù (Edith Lorans, unten) verrät Prinzessin Turandot (Susanne Schimmack) Calafs Namen nicht.
(Foto: Jochen Klenk)
Schwäbische Zeitung

„Turandot“ landauf, landab auf den Bühnen: Waren da etwa Hausierer der Firma Puccini unterwegs? Nun haben sie auch in Ulm in Operndirektor Matthias Kaiser und seinem Dirigenten Timo Handschuh Kunden für das unvollendete Werk gefunden. Aber auch in kleinerem Format als in Bregenz, Wien oder Dresden geht was, selbst an der Olgastraße wird der Ruf „Keiner schlafe!“ vernommen.

Etwas irritiert sieht der Opernbesucher zunächst ein riesiges, ziemlich albernes Manga-Bild nach japanischem Muster mit einem Krieg spielenden Kinder-Pärchen auf einer Leinwand vor dem Vorhang. Nun ja, mit der geographischen Zuordnung darf man es eh nicht so genau nehmen. Denn auf der Bühne (Britta Lammers) finden sich Verweise auf China mit einem an Mao gemahnenden siechen Kaiser im Rollstuhl (nach Bregenzer Idee) und einer sich martialisch gebenden Armee – auch die Damen des Chors in Uniform (Angela C. Schuett) – eigentlich mehr in der Art von Kim Jong-un in Nordkorea.

Das passt doch: Dort lässt der dickliche Diktator Widersacher hinrichten. Und Köpfe rollen lässt in dieser Opern-Version Prinzessin Turandot, „die Sonne der Partei“. Als solche preist sie eine riesige Wandzeitung neben einer großen Tribüne. Dort ist der Chor (Einstudierung Hendrik Haas) wie in einem Oratorium fast ständig präsent und kommentiert das Geschehen: gleichsam die Passion des Prinzen Calaf. Dass die Prinzessin ihr Trauma – die Freveltat eines Mannes an einer Ahnin – auslebt, indem sie alle Freier, die nicht ihre drei Rätsel lösen, zum Tode verurteilt, wird schon früh klar. Die Offiziere Pang, Ping und Pong beklagen in einem konspirativen Treffen diese Gewaltherrschaft: Ängstlich, heimwehkrank, singen sie unmännlich zart – ein pastellfarbenes Solisten-Trio in dieser Calafpassion.

Auch in Ulm schläft keiner

Wir wissen es vorher: Calaf besteht die Prüfung, und Turandot wird im Gegenrätsel seinen Namen nicht herausfinden. Auch nicht indem sie die Sklavin Liù foltern lässt. Diese entleibt sich selbst unter den Augen ihres Herrn Timur, anstatt den Prinzen, den sie liebt, dem Tod preiszugeben. Wie im April 1926 bei der Mailänder Uraufführung unter Arturo Toscanini ist dann in Ulm Schluss. Anders als an der Scala wird auch bei den folgenden Vorstellungen nicht die Vervollständigung von Franco Alfano angehängt. Und das ist gut so.

Drei Sänger stechen vor dem farbenschillernd und gefühlsmächtig musizierenden Philharmonischen Orchester heraus: Der gastierende kanadische Tenor Eric Laporte begeistert nicht nur mit dem Hit „Nessun dorma“, er glänzt mit ausgefeilter Gestaltung von der lyrischen Mittellage bis in die strahlenden Höhen. Susanne Schimmack, ebenfalls ein Gast, überzeugt in der Titelpartie durchaus, doch als der eigentliche wunderbar anrührende Gegenpart zu diesem Calaf erweist sich die Liù der Edith Lorans in der zweiten Frauenpartie. Musikalisch und darstellerisch bietet der noch junge Bassist Don Lee die treffliche Studie eines greisen Timur.

Die nächsten Aufführungen: 29. 9., 2., 9., 16., 18., 28. 10.; Karten unter

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen