Tokio Hotel: „Die Welt ist voller Ängste“

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„Für uns als Musiker ist die Tour das Lebenselixier. Dieses rastlose Reisen durch die Welt und die große Show auf der Bühne, das
„Für uns als Musiker ist die Tour das Lebenselixier. Dieses rastlose Reisen durch die Welt und die große Show auf der Bühne, das alles hält uns am Leben“, sagt Bill Kaulitz (rechts), der gemeinsam mit seinen Bandkollegen Tom Kaulitz (links), Gust (Foto: Lado Alexi)
Schwäbische Zeitung

Ja, Tokio Hotel gibt es noch. Auch wenn es ruhiger geworden ist um die Band, die nunmehr seit 15 Jahren gemeinsam Musik macht. Mittlerweile haben sich die vier Musiker an das Leben zwischen Hype und Hass gewöhnt. Anfang 2017 gehen Tokio Hotel auf Welttournee. Auf ihrer „Dream Machine World Tour“ machen sie auch in Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart, München, Leipzig und Berlin halt. Im Interview mit Eva-Maria Peter verraten die Frontmänner und Zwillinge der Band, Bill und Tom Kaulitz, welche Träume sie haben und wie wichtig Veränderungen sind.

Im Frühjahr geht ihr wieder auf Welttournee. Wie fühlt sich das an?

Bill: Für uns als Musiker ist die Tour das Lebenselixier. Dieses rastlose Reisen durch die Welt und die große Show auf der Bühne, das alles hält uns am Leben. Wir machen das jetzt schon seit über zehn Jahren und es bedeutet uns mehr als je zuvor. Wir werden älter und verstehen immer mehr, dass wir für die Musik geboren wurden.

Ihr seid bekannt für aufwendige Bühnenshows …

Bill: Wir sind keine Singer-Songwriter, die mit Akustik-Gitarre und deutschen Lyriks vier Stunden jammern, ohne dass was passiert. Wir sind Showmaster. Ein Tokio-Hotel-Konzert ist ein unvergessliches Erlebnis. So etwas wie die „Dream Machine“ Show haben die Zuschauer noch nie gesehen.

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Dream Machine“?

Tom: Unser Gefühl verbirgt sich dahinter. Tokio Hotel ist unsere „Dream Machine“, unsere Spielwiese für Träume. Wir wollen mit dieser Tour unsere Visionen verwirklichen und unsere eigene Welt erschaffen, in der wir nur das machen, was wir lieben. Tokio Hotel bedeutet für uns die perfekte Freiheit. Mehr Träume und mehr Freiheit brauchen die Menschen auf dieser Welt.

Wie sieht es in eurer Traumwelt aus?

Tom und Bill: Nachts träumen wir sehr intensiv und sehr realistisch. Oftmals sind das Alpträume. Auf die könnten wir gut verzichten.

Bill: Tagträume sind natürlich schöner. Träume motivieren und geben Drive. Ich muss mich jeden Tag entscheiden, welchen meiner vielen Träume ich umsetzen werde. Es sind meine Träume, die mich jeden Tag aufstehen lassen.

Was wäre euer Wunschtraum für die Welt?

Bill: Dass jeder Mensch glücklich ist. Das klingt banaler, als es ist, aber daran sollte jeder arbeiten.

Tom: Das ist eine ziemlich große Herausforderung. Die Welt ist momentan voller Ängste. Jeder Mensch sollte zumindest die Möglichkeit bekommen, so viele Träume wie möglich wahr werden zu lassen. Wir müssen uns immer wieder ins Bewusstsein rufen: Wir haben nur ein Leben – lebe glücklich!

Eure Musikrichtung hat sich im Laufe der Jahre stark verändert von Rock auf Elektro-Pop. Wie sieht das in Zukunft aus?

Bill: Rockmusik machen wir schon lange nicht mehr. Wir haben uns musikalisch im Elektro-Pop gefunden. DJs und elektronische Musik inspirieren uns. Das macht sich auch auf der Bühne bemerkbar. Georg und Tom spielen nicht mehr groß Bass und Gitarre, sie bedienen Synthesizer, Additional Drums und es gibt neue Vocals. Grundsätzlich wird unsere Musikshow immer technischer und experimenteller. Wir haben sieben Laptops auf der Bühne.

Nicht nur eure Musik, auch euer Leben und euer Aussehen ändert sich ständig. Der Drang nach Veränderungen scheint bei euch groß zu sein?

Bill: Veränderungen sind das einzig Beständige in meinem Leben. Ohne Veränderungen langweile ich mich. Und bei Langeweile komme ich nur auf dumme Gedanken. Veränderungen machen kreativ und schaffen ein gewisses Freiheitsgefühl. Freiheit ist mir das wichtigste Gut.

Inwiefern haben sich eure Fans im Laufe der Zeit verändert?

Bill: Wir sind mit den Fans zusammen groß geworden. Sie sind genauso älter geworden und haben mittlerweile eine andere Vorstellung von der Welt. Unsere Lebensart ändert sich, feste Bindungen und Familien bilden sich. Unsere Fans sind über die Jahre mit uns gewachsen.

Wo in der Welt fühlt ihr euch am wohlsten? Bleibt ihr in Los Angeles?

Bill: Tom und ich möchten gerne noch mehr von der Welt sehen. Das ganze Leben an einem Ort zu bleiben, ist undenkbar. Wir könnten uns vorstellen, bald nach Thailand zu ziehen, aber auch Italien und die aufgeschlossenen Menschen dort reizen mich. Wenn Donald Trump an die Macht kommt, sind wir sowieso weg.

Inwiefern verfolgt ihr momentan den US-Wahlkampf?

Tom: Wir zerbrechen uns den Kopf darüber. Die hetzerischen Aussagen von Donald Trump machen sprachlos und schrecklich traurig. Wir sind ja auch Ausländer in Amerika. Dass so ein Mensch überhaupt die Plattform bekommt, macht uns wütend. Er spielt mit den Ängsten der Menschen. Wir wollen am liebsten im Erdboden versinken.

Wie habt ihr es geschafft, international Fuß zu fassen?

Bill: Unser Geheimnis ist, immer das Gegenteil von dem zu machen, was von uns erwartet wird. Wir wollen einfach anders sein.

Tom: Jedes Land hat seine eigene Szene und seine Musik. In Deutschland sind Schlager und deutsche Songs sehr ausgeprägt. Unsere Show und das Drumherum sind nicht deutsch. Das ist auch gut so. Wir sind sehr gerne im Ausland unterwegs und sehen uns nicht als deutsche Band. In Deutschland sind wir Außenseiter und bedienen eine Nische – für die Welt sind wir normal.

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