Theaterstück von Theresia Walser in Mannheim uraufgeführt

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Pointenreiches Diven-Theater mit Ragna Pitoll (Mitte) und Anke Schubert (rechts) im Mittelpunkt der Handlung.
Pointenreiches Diven-Theater mit Ragna Pitoll (Mitte) und Anke Schubert (rechts) im Mittelpunkt der Handlung. (Foto: Hans Jörg Michel)
Jürgen Berger

Es waren ereignisreiche Tage für den Mannheimer Noch-Intendanten. Gerade hat Burkhard C. Kosminski den Spielplan seiner Neustarts als Intendant des Stuttgarter Staatsschauspiels vorgestellt, da schließt er seine Mannheimer Zeit mit der Uraufführung von Theresia Walsers „Nach der Ruhe vor dem Sturm“ ab und inszeniert eine pointenreiche Schauspielerinnen-Demontage.

Als Heide Keller am Neujahrstag 2018 von Bord des „Traumschiffs“ ging, war sie nicht nur die dienstälteste Seriendarstellerin des Fernsehens. Chefhostess Beatrice, so Kellers zweite Identität, war auch die Mutter Beimer des öffentlich-rechtlichen Luxuskuschelns auf allen Weltmeeren. Als sie Tschüss sagte, gönnte ihr das ZDF die Aussicht auf eine Zweitkarriere als Bestsellerautorin. Chefhostess Beatrice, so wollte es das Drehbuch, hatte ein Buch geschrieben, an der Gangway in Los Angeles wartete bereits ein Filmproduzent auf sie. Harvey Weinstein konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gewesen sein und es sieht auch so aus, als bräuchten die beiden Schauspielerinnen, die Theresia Walser in „Nach der Ruhe vor dem Sturm“ aufeinander loslässt, keine Produzenten, um sich gegenseitig all das ins Gemüt zu drücken, was ein Schauspielerinnenleben so mit sich bringt.

Da wäre Irm König, die ungekrönte Königin des Luxusliners, der bei Theresia Walser „Glücksschiff“ heißt. 36 Jahre habe sie immer wieder „Käptn“ gesagt und dann, nach einer Pause: „Frau Meier möchte Sie sprechen.“ Frau König hat sich in jüngeren Jahren für den sicheren TV-Job entschieden und in Kauf genommen, dass sie für höhere Aufgaben auf den Bühnen des deutschsprachigen Theaters nicht mehr infrage kommt. Ihr Vorteil: Gedanken darüber, ob sie ab einem gewissen Alter nicht mehr besetzt wird, brauchte sie sich im Gegensatz zur Bühnenkollegin Liz Hansen nicht machen. Die gehört zu den sensiblen Sprechkünstlerinnen des Gewerbes und hat, während „Irm König ihren Hostessenhintern vor fahrende Urlaubprospekte gehalten hat“, 60-mal Kleists Penthesilea gespielt: „Allein in Düsseldorf!“

Theresia Walser zelebriert all die Aufwärtshaken, mit denen so unterschiedlich gefärbte Diven sich gegenseitig fertigmachen können. „Nach der Ruhe vor dem Sturm“ umfasst gerade mal 24 Seiten, Walsers Text ist aber derart mit Sprachwitz gespickt, dass man den Eindruck hat, einen mit allen möglichen Spezereien gefüllten Snack zu sich zu nehmen. Das macht satt und bietet mit Ragna Pitoll eine auf den Weltmeeren gereifte Grande Dame. Pitoll ist die mondäne Selbstdarstellerin des Abends und eine Schauspielerin, die genau das nicht bekommt, um was es jenseits öffentlich-rechtlicher Honorare geht: Anerkennung. Anke Schubert hat als Liz Hansen den auf den ersten Blick trockeneren Part des Abends. Theresia Walser gibt der bühnenerprobten Schauspielerin jedoch den Witz einer gegen das eigene Gewerbe gerichteten sarkastischen Sachlichkeit mit auf den Weg.

Da spielt eine immer auch die Komik all dessen, was im Theater schiefgehen kann. Zum Beispiel wenn ihr bei der finalen Selbsterdolchung Penthesileas fünf anstatt vier mal ein „So“ raus rutscht. Da triumphiert die „Glücksschiff“-Kollegin. Da widmet sich Frau Hansen lieber schnell wieder ihrem Lieblingsthema, den männlichen Kollegen. Die haben seit Jahrtausenden „ja praktisch nichts anderes als ihre eigenen Hirngespinste penetriert, und jetzt stehen sie da mit ihrer verpissten Potenz, die schneller zerronnen ist als eine DDR“. Gemeint könnte Ulli Lerch sein, der immer mal wieder letzte Requisiten wegräumt.

Bestechende Regie

Gespielt wird der Ulli von Sven Prietz und der ist auch das Bindeglied zum ersten Teil des Abends, den Theresia Walser vor etwas mehr als zwölf Jahren geschrieben hat. Damals war „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ die Vorlage für Burkhard C. Kosminskis Start als Schauspielchef des Mannheimer Nationaltheaters. Theresia Walser persiflierte einen Hitler-Darsteller wie Bruno Ganz, der in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ den großen Diktator so herbei zitterte, dass man Mitleid bekommen konnte. Dass Kosminski die Uraufführung von damals reanimiert, ist der Idee geschuldet, „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ als ersten Teil einer Klammer einzusetzen, die mit „Nach der Ruhe vor dem Sturm“ seine Mannheimer Zeit umschließt.

Was damals eine Diskussion über die Grenzen der einfühlenden Schauspielerei auslöste, ist bei Theresia Walser eine komische Selbstbespiegelung zweier Hitler- und eines Goebbels-Darstellers. Burkhard C. Kosminski inszenierte das damals genau wie er heute die Diven-Variante auf die Bühne bringt: dem Text untergeordnet und ganz auf die Präsenz der Schauspielerinnen und Schauspieler setzend. Das interessante an der aktuellen Uraufführung: Manchmal sind Theaterabende genau deshalb gut, weil man ihnen so etwas wie Regie nicht unbedingt anmerkt.

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