Theater in der Türkei: Eine Momentaufnahme

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 Theater machen in der Türkei birgt Risiken. Aber das Ensemble des Theaters Bakirköy Belediye Tiyatrosu aus Instanbul beweist Mu
Theater machen in der Türkei birgt Risiken. Aber das Ensemble des Theaters Bakirköy Belediye Tiyatrosu aus Instanbul beweist Mut mit dem Stück „I Love You Turkey“. (Foto: Emre Mollaoğlu)
Jürgen Berger

Vor knapp zehn Jahren konnte man auf verschiedenen Festivals in Deutschland schon einmal Theater aus der Türkei sehen. Damals ging es noch um den Wunsch des Brückenkopfes zwischen Abend- und Morgenland, zur europäischen Union zu gehören. Dies und die vielen sozialen Probleme der Türkei spiegelten sich in den Theaterstücken. Damals konnte niemand ahnen, dass es um ein umstrittenes Bauprojekt im zentralen Gezi-Park Proteste geben würde und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen misslungenen Putschversuch von Teilen des Militärs zum Anlass für eine beispiellose Welle der Verhaftung nehmen würde. Heute haben Theatermacherinnen und - macher in der Türkei ganz andere Sorgen. Sie fürchten, inhaftiert zu werden, reagieren aber trotzdem mit politisch scharfzüngigem Theater darauf, dass Präsident Erdogan aus der Türkei ein Gefängnis macht

Viele freie Gruppen in Instanbul

Wie das genau aussieht, konnte man gerade während des Festivals Heidelberger Stückemarkt sehen, das dieses Jahr mit dem Gastland Türkei aufwartete. Zu sehen war, dass die reichhaltige und in Istanbul zentrierte Theaterszene sich zwar weiterhin mit so wichtigen Themen wie der Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft beschäftigt. Man konnte aber auch erleben, wie die Theatermacherinnen und Theatermacher inzwischen zum Ausdruck bringen, wie sehr sie selbst gefährdet sind. Sie reagieren oft indirekt, manchmal aber auch sehr direkt auf die verschärfte Situation.

In Ceren Erkans „I Love You Turkey“ wird das Publikum in einen Waschsalon versetzt. Drei Frauen und zwei Männer schleppen schwere Säcke. Man wäscht dreckige Wäsche, plötzlich zitiert ein Schauspieler aber Rainer Werner Fassbinders Statement aus dem düsteren Episodenfilm „Deutschland im Herbst“. Es geht um die Situation kurz nach dem Tod der Führungsebene der Rote-Armee-Fraktion in Stammheim. Fassbinder sagte sinngemäß, auch er habe Angst angesichts der Reaktion des Staates auf den RAF-Terror, aber für ihn verbiete es sich, das Land zu verlassen.

Spiel mit den Widrigkeiten

„I Love You Turkey“ ist aber alles andere als endzeitliche Waschsalon-Tragödie, eher schon eine bittersüße Liebeserklärung in Richtung Türkei. Das Ensemble des Bakırköy Belediye Tiyatrosu (BBT) spielt ironisch mit all den Widrigkeiten, denen sich nicht nur oppositionelle Journalisten ausgesetzt sehen. Das war der rote Faden.

In den Theatertexten und Inszenierungen ging es immer auch um die Frage: Riskiere ich mit dem nächsten Auftritt oder der nächsten Inszenierung eine Verhaftung? Onur Karaoğlu zum Beispiel thematisiert in „Light Theory“ die aktuellen Migrationbewegungen und wie sie die Türkei verändern. Was passiert, wenn ein junger syrischer Student in Istanbul Fuß zu fassen sucht, während ein türkischer Schauspieler seine Emigration vorbereitet? Und in „I Love You Turkey“ gibt einer der Saubermänner im Waschsalon plötzlich zu erkennen, er sei ein Kontrolleur und ziehe anhand der Kleidungsstücke, Rückschlüsse auf staatsschädigendes Verhalten. Dieses „Help“-T-Shirt zum Beispiel, auf dem die Beatles die Buchstaben des Hilferufs so unverschämt rebellisch mit den Armen formen, ruft doch sicher zum Sturz des Staates auf!

Theater in Zeiten der Repression

Das BBT ist eines der wenigen staatlich geförderten Theater der Türkei. Es liegt im Istanbuler Arbeitervorort Bakırköy. Dass so ein Theater derart direkt die autokratischen Unterdrückungsmechanismen benennen kann, überrascht genauso wie die Vielfalt der poetischen und metaphorischen Vergleiche, mit denen türkische Theatermacher testen, wie weit sie gehen können. Man denkt zurück und erinnert sich, dass es vor zehn Jahren darum ging, dass wirklich prickelndes Theater eigentlich nur in der freien Szene stattfindet. Heute prickelt es im türkischen Theater alleine schon wegen der politischen Situation.

In Zeiten der Repression gedeihen die Künste. Während eines Podiumsgesprächs erfuhr man, die Zahl der freien Theatergruppen steige sprunghaft. Letztes Jahr soll es alleine in Istanbul mehr als 230 Premieren gegeben haben. Auf dem Podium ging es aber auch um die Atmosphäre der Bespitzelung und Verleumdung im Land. Wie das konkret funktioniert? Es genüge, so die Auskunft, ein Anruf oder Eintrag im sogenannten Kommunikationszentrum des Staatspräsidialamtes, einer staatlichen Internetplattform der Denunziation.

Parallelen zur Wirklichkeit

Wichtig für türkische Theatermacherinnen und -macher ist auch, dass am Ende des Heidelberger Stückemarktes Preise verliehen werden. Einer der wichtigsten ist der Autorenpreis für noch nicht uraufgeführte Theatertexte aus dem Gastland. Dieser Internationale Autor*innenpreis ging an Ömer Kaçars „Der Gast“. Da wird ein unerwarteter Besucher von einer schrecklich netten Familie zuerst einmal eingemeindet. Sehr schnell reagiert das geschlossene System Familie aber mit Abschiebereaktionen. Der Fremde wird mittels Fake News weggemobbt. Es wirkt eher witzig, wie Vater, Mutter und Sohn haarsträubende Details erfinden, um den inzwischen missliebigen Gast zu denunzieren. Was bei einem Theaterpublikum für ein bitteres Lachen sorgte, hatte Parallelen zu aktuellen Ereignissen in der Türkei. Fast zeitgleich beschloss die Hohe Wahlkommision der Türkei, die Annullierung der zurückliegenden Bürgermeisterwahl in Istanbul. Die Wahlräte in den Stadtteilen, so die Begründung, seien teilweise rechtswidrig zusammengestellt worden. Ein weiteres Beispiel dafür, wie ein machthungriger Autokrat eigentlich unabhängige staatliche Organe manipuliert, um mittels Desinformation ihm genehme Scheinwelten zu behaupten.

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