The Prodigy über Rebellion

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Keith Flint kommt mit seiner Band Prodigy nach München.
Keith Flint kommt mit seiner Band Prodigy nach München. (Foto: dpa)
Marcel Anders

Sie sind die Ramones der elektronischen Musik: Seit 28 Jahren und sieben Alben kennt das Trio um Keith Flint, Liam Howlett und Maxim Reality nur eine Gangart und einen Sound – aggressiv und frontal. Den kultiviert The Prodigy auch auf „No Tourists“: Ein Werk, das sich als bitterböse Abrechnung mit dem Hier und Jetzt versteht. Marcel Anders hat mit der Truppe über Individualität, Integrität und Freiheit in der modernen Welt gesprochen.

Das Cover zu „No Tourists“ zeigt einen Doppeldeckerbus der Linie 7, dessen Endstation der erste Club ist, in dem Sie je aufgetreten sind. Was wollen Sie uns damit sagen?

Liam: Die Sieben steht für mehrere Dinge. Zum Beispiel dafür, dass es unser siebtes Album ist. Und was den Albumtitel betrifft: Es geht um Realitätsflucht – darum, sich einfach mal auszuklinken. Die Leute haben leider vergessen, was es heißt, Dinge für sich selbst zu entdecken. Insofern ist es eine Erinnerung daran, dass es da draußen so viel wahrzunehmen gibt – wenn man nur einen Schritt nach rechts oder links macht, und sich nicht alles vorkauen lässt. Es ist sehr leicht, sich da einlullen zu lassen und einfach blind zu folgen. Und wir erinnern die Leute daran, dass sich auszuklinken und Dinge für sich selbst zu entdecken der bessere Ansatz ist.

Also ist „No Tourists“ kein ausländerfeindliches Statement?

Maxim: Nein, es ist einfach so, dass wir aufgrund der Technik kaum noch nachdenken. Unsere gesamten Leben drehen sich um das Telefon, und es wird immer schwieriger, gegen diese Entwicklung zu rebellieren und einen individuellen Ansatz zu finden. Obwohl das so wichtig wäre.

Sind wir zu Objekten geworden, die allzu leicht zu kontrollieren und manipulieren sind? Zu Sklaven der Technik?

Keith: Stimmt! Wir verlassen uns zu sehr auf unsere Telefone – und davon kann ich mich nicht ausnehmen. Auch ich schaue schnell mal, wo man gut essen könnte, statt mich einfach ein bisschen umzuschauen, wo die Einheimischen hingehen. Man muss sich nicht alles von Plattformen wie Tripadvisor diktieren lassen. Da sind wir wie Schafe, die blindlings folgen und nichts hinterfragen. Das ist das Problem: Wir werden vollkommen vereinnahmt und kontrolliert. Wir steigen nur noch in einen Bus und werden von A nach B kutschiert, machen ein paar Selfies, laden sie ins Netz und hoffen, dass die 200 Freunde, die wir gar nicht kennen, ein „Like“ dazu schicken. Wir sind dagegen in einer Zeit geboren, als es noch darum ging, seinen eigenen Stil und seine eigene Herangehensweise zu haben. Man hat darum gekämpft, möglichst individuell statt angepasst zu sein. Doch jetzt will jeder mit dem Strom schwimmen. Das verstehe ich nicht.

Demnach sind The Prodigy old school – im wahrsten Sinne des Wortes?

Liam: Wir wollen hier keine Revolution vom Zaun brechen. Wir wollen niemanden belehren oder verurteilen. Wir haben nur unsere Gedanken, unsere Ethik und Integrität, was uns extrem wichtig ist. Wir sind enttäuscht, dass das vielen der heutigen Bands abgeht. Dass das so unwichtig geworden ist. Sie tun alles, um schnell Erfolg zu haben, aber damit schaden sie sich nur selbst. Sie glauben nicht an ihre Musik, sondern nur ans Geld.

Auf Ihrem neuen Album findet sich ein Stück namens „We Live Forever“. Bezieht sich das auf die Tatsache, dass die Band mittlerweile 28 Jahre aktiv ist? Und: Fragen Sie sich mit Ende 40, Anfang 50 manchmal, wie lange Sie das noch machen können?

Liam: Wir werden es merken, wenn die Musik und die Einstellung nicht mehr stimmen. Dann werden wir reagieren. Aber derzeit ist es unser Leben und wir haben immer noch etwas zu sagen.

Keith: Das Lustigste ist: Wenn du anfängst, spekuliert man, wie lange du wohl durchhältst. Und wenn du dir eine Fangemeinde und eine gewisse Glaubwürdigkeit erspielt hast, heißt es: Wann hört ihr endlich auf? (lacht) Also: Können wir nicht einfach noch ein bisschen weitermachen? Denn wir haben nach wie vor Spaß und deswegen machen wir das – weil es das Größte ist. Weil wir es mit Leidenschaft tun.

Inwieweit haben Sie in den letzten 20 Jahren auch gegen den eigenen Erfolg rebelliert, den Sie mit „The Fat of The Land“ und Singles wie „Firestarter“ oder „Smack My Bitch up“ hatten?

Liam: Man muss rebellieren, um zu überleben. Sonst wären wir für immer diese „Firestarter“-Typen geblieben. Und das wäre tödlich. Ich meine, wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben, aber wir wollen nicht nur für etwas stehen, das wir vor 20 Jahren gemacht haben. Wir sind immer noch hungrig und wollen weiter kreativ sein.

Keith: Tatsächlich gab es einen Moment, an dem ich „Firestarter“ nicht mehr spielen wollte. Aber das ging nicht … (lacht) Wir haben dann eine Strophe aus dem Song genommen und ihn ein bisschen abgeändert. Wir haben einen Weg gefunden, die Live-Tracks frisch zu halten. Und das ist wichtig, denn wir müssen diese Stücke bringen. Wir können und wollen uns da nicht verweigern.

Zum letzten Album wollten Sie einen Kampfjet auf die Bühne bringen. Ist es jetzt der große Bus vom Plattencover?

Liam: Das verraten wir nicht. Aber: Es wird definitiv etwas Besonderes. Wir werden es frisch halten – nicht nur die Musik, sondern die Show. Wir brauchen keine großen LED-Wände und den ganzen Mist. Der Fokus liegt immer auf der Musik und darauf, das Ganze so rau wie möglich zu halten. Aber wir wollen auch, dass die Leute hinterher nach Hause gehen und sagen: „Das war mal was Anderes!“ Und das wird es sein. Denn wir sind old school. Das ist unser Ding.

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