Tarantinos neuer Film und die Manson-Morde

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 In „Once Upon A Time in Hollywood“ erzählt Quentin Tarantino die Geschichte von Rick Dalton (Leonardo DiCaprio, links) und Clif
In „Once Upon A Time in Hollywood“ erzählt Quentin Tarantino die Geschichte von Rick Dalton (Leonardo DiCaprio, links) und Cliff Booth (Brad Pitt) vor dem Hintergrund der Morde der „Manson-Family“. (Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/Photo by Andrew Cooper)
Rüdiger Suchsland

Heute vor genau 50 Jahren, am 9. August 1969 kam es in der Hollywood-Villa des Filmemachers Roman Polanski zum blutigsten Massaker in der Geschichte der Traumfabrik: Mitglieder der fanatischen „Manson Family“ ermordeten sechs Menschen. Die Vorgeschichte dieser zum Mythos gewordenen Bluttat bildet einen Erzählstrang von Quentin Tarantinos neuem Film „Once Upon a Time in Hollywood““, der bereits morgen auf dem Filmfestival von Locarno vor 8000 Zuschauern gezeigt wird, und kommende Woche in den deutschen Kinos startet.

Am 14. August 1969 kam der Sergio-Leone-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ in die bundesdeutschen Kinos. Sein Originaltitel: „Once Upon A Time in The West“. Drei Wochen zuvor hatte der erste Mensch den Mond betreten. Im Mai gewann „Easy Rider“ von Peter Fonda einen Preis bei den Filmfestspielen in Cannes. Der Film leitete einen komplett neuen Kino-Kosmos ein: New Hollywood. Das alte Hollywood ging am 9. August 1969 zu Ende.

Kurz nach Mitternacht gingen vier junge Menschen den schmalen, kurvigen Cielo Drive in Hollywoods Prominentenviertel Beverly Hills hinauf: Ihr Auto hatten sie unten geparkt, sie trugen Bajonette, Pistolen und Messer. Drei junge Frauen, ein Mann, alle das, was man schon damals „white trash“ nannte, „weißen Müll“. Sie kamen aus kaputten Verhältnissen, waren von zuhause ausgerissen, und hatten sich dem schrägen Guru Charles Manson angeschlossen, einem Ex-Häftling, der mit Drogen handelte, vermutlich als Informant für die CIA arbeitete, und mit einer Kommune von etwa 30 zum Teil minderjährigen jungen Leuten auf einer Ranch am Rand von Los Angeles lebte. Diese „Manson Family“ finanzierte ihr Leben mit Reittouren für Touristen auf dem Ranch-Gelände und mit Drogenhandel.

Was dann genau in den frühen Morgenstunden des 9. August passierte, und warum, ist unklar. Fest steht: Die Vier drangen in die Villa des Hollywood-Regisseurs Roman Polanski ein, der zu der Zeit für Dreharbeiten in London war, und metzelten Polanskis hochschwangere Frau, die 26-jährige Schauspielerin Sharon Tate sowie deren ungeborenes Kind, drei Freunde, die sich in der Villa aufhielten und einen Nachbarn mit Dutzenden Messerstichen nieder. Mit dem Blut der Opfer schrieben sie „Pig“ (Schwein) an Wände und Türen. In der nächsten Nacht tötete die Gruppe ein Millionärsehepaar.

Warum all das geschah, lag von Anfang an im Unklaren. Widersprüchliche Zeugenaussagen oder Zeugnisverweigerung sowie Auffälligkeiten und Fehler bei der Ermittlung der Polizei taten ein Übriges, um Mythen und Verschwörungstheorien um das Geschehen zu nähren. Die gängigste Theorie lautet: Manson, der bei den Bluttaten nicht dabei war, war ein menschliches Monster. Mit einer Mischung aus Drogen, okkulten Botschaften und Bibelstellen manipulierte er seine „Family“ und machte sie zu willenlosen Mördern. Aber ob Manson tatsächlich die Morde beauftragt oder überhaupt von ihnen gewusst hat, ist nicht wirklich bewiesen. 1971 wurde Manson mit vier Bandenmitgliedern wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Utopie contra Wirklichkeit

Was 1969 in Hollywood geschah, hat viel zu tun mit dem Verdrängten der US-Gesellschaft wie der Traumfabrik, mit der Gewalt im Herzen Amerikas. Den Manson-Morden waren die Morde an den Kennedys, an den Schwarzenführern Martin Luther King und Malcolm X vorausgegangen sowie die gesellschaftlichen Verwerfungen um die Rassentrennung und acht Jahre Krieg in Vietnam. Und gleichzeitig gab es diese träumerisch aufgeladene Welt der späten 60er-Jahre.

Quentin Tarantino erzählt in seinem Film ein Märchen: „Once Upon A Time in Hollywood“ betritt gewissermaßen einen dunklen Wald voller Hexen und Wölfe, zeigt den Horror der Mansons, spendet aber auch Trost. Denn die Kraft Hollywoods ist vor allem die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu verändern. Diese beschwört Tarantino auch hier wieder: Indem er nach dem Muster von „Inglourious Basterds“ die wahre Geschichte einfach umschreibt, den bösen traurigen Fakten nicht ihr Recht belässt, sondern sie durch eine alternative fröhlichere Version ersetzt.

Sharon Tate wird nicht sterben in diesem Film. Und es gelingt Tarantino, alles heiter und trotzdem auch würdevoll zu inszenieren. Wenn Tarantino Geschichte so erzählt, wie sie hätte sein können, ist das sehr schön. Aber es ist auch sehr traurig. Denn wir alle wissen, dass es nicht so gewesen ist. Filmkunst als stilistisch perfekte Utopie, träumerisch und melancholisch. So ist dies ein Film, in dem der Regisseur nicht zuletzt einen nostalgischen Kino-Liebesbrief an das Jahr 1969 verfasst, an eine verlorene libertäre Kultur, nach der nicht nur er sich zurücksehnt. Unterhaltungskino, aber mit tieferer Bedeutung.

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