Tanztheater „Das kalte Herz“ in Ulm

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Atmosphärisch dicht und stark getanzt ist die neue Ballett-Produktion am Theater Ulm.
Atmosphärisch dicht und stark getanzt ist die neue Ballett-Produktion am Theater Ulm. (Foto: Martin Kaufhold)
Katharina von Glasenapp

Mit dem Intendantenwechsel zu Beginn dieser Spielzeit ist am Stadttheater Ulm auch ein neuer Leiter des Tanztheaters gekommen: Reiner Feistel, zuvor Ballettchef in Chemnitz, hat ein neues internationales Ensemble zusammengestellt. Nach der so erfolgreichen Choreografie von „Der kleine Prinz“ erzählen Feistel und die zehn Tänzerinnen und Tänzer erneut eine Geschichte, die alle anspricht: „Das kalte Herz“ nach dem Märchen von Wilhelm Hauff taucht nicht nur in die Tiefen des Schwarzwalds mit Köhlern, Glasmännlein und unheimlichen Gestalten, sondern auch in die Abgründe menschlicher Begierden hinab. Durch verschiedenste Bewegungsstile, ein sparsames Bühnenbild, interessante Kostüme (Ausstattung: Petra Mollérus), Lichtgestaltung (Marcus Denk) und eine stimmige Musikauswahl gelingt eine tiefgehende Deutung. Der junge erste Kapellmeister Levente Török und das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm legen mit fein musizierten Stücken von Schubert, Schumann, Beethoven und Arvo Pärt den klingenden Boden, für die Szenen des Glasmännleins und des Holländer-Michels gibt es eine atmosphärisch dichte neue Komposition von Hans-Peter Preu.

Hier ehrliche Arbeit und treue Freundschaft, da Gier und Betrug – die Leitlinien sind klar abgesteckt. Der Köhler Peter Munk ist unzufrieden mit seiner schweren Arbeit: Er möchte so reich sein wie der Amtmann Ezechiel und so gut tanzen wie der Tanzbodenkönig, damit ihm die Mädchen und besonders die Jugendfreundin Lisbeth zufliegen. Da kommt der gute Waldgeist, der unter den Wurzeln des großen Baums lebt, gerade recht, um Peter seine Wünsche zu erfüllen: „Schatzhauser im grünen Tannenwald“ – die Beschwörung soll Glück bringen, denn der Schatzhauser, auch Glasmännlein genannt, beschützt die Köhler. Das Glasmännlein ist bei Reiner Feistel eine Frau im weißen Flattergewand mit Glasbesatz, Seungah Park tanzt mit Anmut: Sie erfüllt dem jungen Peter zwei seiner Wünsche und versucht, ihn vor dem allzu törichten dritten Wunsch nach schnellem Ruhm zu bewahren. Hier kommt der Holländer-Michel, der Dämon mit schwarzen Flügeln, Lederriemen und großer Narbe auf der Brust ins Spiel: Er raubt dem Köhler Peter Herz und Gefühle und setzt ihm dafür einen kalten Stein ein. Sprunggewaltig und athletisch verkörpert Luca Scaduto diese Figur des Finsteren, der alle von sich abhängig macht.

Stilistisch vielseitig

Stilistisch vielseitig zeichnet Reiner Feistel die Rollen: Etwa die Wandlung Peters vom Naturburschen zum kaltherzigen Betrüger und wieder zurück zum glücklichen Liebenden, wenn das Glasmännlein den Zauber gelöst hat. Gabriel Mathéo Bellucci überzeugt mit großer Wandelbarkeit und Ausdruckskraft, Versteinerung und Auflösung sind auch für das Publikum geradezu körperlich erfahrbar. Der Japaner Yoh Ebihara meistert die spektakuläre Rolle des Tanzbodenkönigs mit federnder Eleganz, hohen Sprüngen und leicht dargebotenen Pirouetten. Der reiche Ezechiel in der goldenen Jacke wird von Edoardo Dalfolco Neviani als stolzer hochmütiger Typ charakterisiert. Sympathisch, bodenständig, dem Peter treu ergeben ist der Freund Hans, der Schweizer Lucien Zumofen punktet dazu mit seiner kraftvollen Modern-Dance-Technik. Neben diesen starken Figuren haben es die Mädchen bei Feistel etwas schwerer, doch allen voran Nora Paneva als Lisbeth, die unter der Dominanz ihres kaltherzigen Partners zu leiden hat, macht eine starke Entwicklung durch.

Andere Häuser wie Zürich, Stuttgart oder München mögen größere Kompagnien mit strengen Hierarchien haben. In Ulm ist jeder und jede wichtig, und die Elevinnen der Ballettschule, die hier unter der Führung des quirligen Gaëtan Chailly ihren kurzen Auftritt haben, wachsen vielleicht ins Ensemble hinein. Die Premiere wurde herzlich bejubelt.

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