Türkische Kritik am Theater Konstanz

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André Rohde und Friederike Pöschel spielen in dem Hilsenrath-Stück in Konstanz. (Foto: Ilja Mess)
Schwäbische Zeitung

Das Theater Konstanz bekommt Ärger wegen eines Theaterstücks: Es heißt „Das Märchen vom letzten Gedanken“ und ist die Dramatisierung des Romans von Edgar Hilsenrath über den Völkermord an den Armeniern durch Türken im Jahr 1915. Und genau an dem Begriff „Völkermord“ entzündet sich Streit. Immer wieder. Denn der türkische Staat akzeptiert diese Bezeichnung nicht – und protestiert jedes Mal, wenn der Begriff „Völkermord“ fällt.

Die Premiere von „Das Märchen vom letzten Gedanken“ soll am 21. März stattfinden. Das ist seit langem angekündigt. Aber erst seit dieser Woche erreichen das Theater Konstanz E-Mails von empörten Türken. Am Donnerstag traf ein Fax vom türkischen Generalkonsulat aus Karlsruhe ein, das sich gegen die Benutzung des Begriffs „Völkermord an den Armeniern“ verwahrt. Bis heute gebe es kein Gerichtsurteil „für die Ereignisse von 1915“. Nach historischen Auslassungen schreibt Generalkonsul Serhat Aksen: „Angesichts unseres vollen Respekts hinsichtlich der Kunst, vertreten wir die Meinung, dass die Theaterbesucher auch das Recht besitzen, richtige Informationen zu erhalten und in diesem Sinne zu erfahren, dass es sich bei den Ereignissen von 1915 um ein legitimes akademisches Diskussionsthema handelt.“ Aksen fordert, den Brief bei jeder Aufführung den Theaterbesuchern mitzuteilen und gibt gleich auch noch Hilfestellung, wie dies geschehen könne: „In formeller Hinsicht kann der Brief entweder vor oder nach dem Theaterstück vorgelesen oder unter den Theaterbesuchern verteilt werden.“ Auch um die Veröffentlichung des Briefes auf der Internetseite des Theaters wird gebeten.

Dieser Bitte ist das Theater schon nachgekommen. Auch will man den Dialog mit den Besuchern suchen. „Wir suchen das Gespräch mit allen, auch mit den Kritikern aus türkischen Gruppierungen“, sagt Thomas Spiekermann, Chefdramaturg am Theater Konstanz. Geplant ist auch eine Podiumsdiskussion über das Thema Genozid an den Armeniern. Das Theater Konstanz habe sich in den vergangenen Jahren immer wieder klar positioniert und nie Konflikte gescheut. An dieser Strategie werde sich nichts ändern. Und ebenso wenig werde man Eingriffe in die künstlerische Freiheit zulassen, betont Spiekermann. Am Vortag hatte bereits Intendant Christoph Nix vehement die künstlerische Freiheit verteidigt. Am Freitagabend wird „Das Märchen vom letzten Gedanken“ Premiere haben. Auch wenn vor dem Theater demonstriert wird. Einige türkische Gruppierungen aus der Region haben zu der Demonstration aufgerufen.

„Das Märchen vom letzten Gedanken“ hat am Freitag Premiere am Theater Konstanz. Mario Portmann hat das Stück nach dem Roman von Edgar Hilsenrath inszeniert. Weitere Aufführungen am Dienstag 25. und Samstag, 29. März. Theaterkasse Konstanz Telefon (07531) 900150

theaterkasse@konstanz.de

www.theaterkonstanz.de

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