Subtil: Dichter wohnen

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Schwäbische Zeitung

„Zeige mir Deine Wohnung, und ich sage Dir, wer Du bist.“ Ganz so einfach ist es nicht. Aber wie sich einer einrichtet, womit er sich umgibt, sagt natürlich sehr wohl etwas über den Bewohner. Will da einer prunken, mehr Schein als Sein vorgaukeln? Oder ist die Wohnung wirklich der intimste Ort, an dem sich einer gibt, wie er ist? Geheimrat Goethe hatte ein sicheres Gespür für Repräsentation. Sein Haus am Frauenplan in Weimar ist ein beredtes Zeugnis seiner Selbst-Inszenierung. Und wie steht es bei Ernst Jünger, diesem Solitär der deutschen Literatur? Beinahe ein halbes Jahrhundert, von 1951 bis zu seinem Tod im Jahre 1998 wohnte er in der ehemaligen Oberförsterei der Schenken von Stauffenberg in Wilflingen. Von Mittwoch an ist das Haus nach einer ebenso behutsamen wie gründlichen Sanierung wieder der Öffentlichkeit zugänglich.

Schon die Wahl des Ortes sagt etwas aus über diesen Mann des Wortes, der die Verwerfungen eines ganzen Jahrhunderts deutscher Geschichte vom Ersten Weltkrieg bis zur Zeit nach der Wiedervereinigung literarisch begleitet hat. Nicht in Berlin, nicht in München, nicht in Paris, sondern in der Provinz schlug Ernst Jünger sein Lager auf. Er drehte dem literarischen Leben quasi den Rücken zu, nicht freilich der Welt. Immer wieder brach er von Oberschwaben auf zu Reisen – nach Afrika und Asien, nach Brasilien, an die Strände Sardiniens und in die Stierkampfarenen Spaniens und selbstverständlich in sein geliebtes Frankreich. Überall im Haus finden sich Spuren dieser Reisen. Gleich im Flur die ersten Fotos – das Kolosseum in Rom neben einer Urwald-Idylle, sardische Impressionen. Was er auf den Reisen auflas, brachte er zurück in sein beschaulich bürgerlich wirkendes oberschwäbisches Heim: Schlangenhäute und eine ausgestopfte Kobra, Muscheln und natürlich Käfer. 40000 sollen es sein, die in den Rollschränken im Flur des ersten Stocks verwahrt werden. Prominenz in der Provinz

Steht man vor dem schönen Ensemble mit Garten, ist man erstaunt, wie eng es im Innern doch eigentlich ist. Keine stilvoll glänzenden Salons wie am Frauenplan, sondern viele kleinere Räume, in denen der Schriftsteller schrieb, las, seine Insektensammlung katalogisierte, aber sehr wohl zusammen mit seiner Frau, der Germanistin Liselotte Jünger, auch prominente Gäste empfing von Theodor Heuss über Jorge Luis Borges bis zu François Mitterrand. Wenn man sich die eher zierlichen Sessel in der Bibliothek anschaut, wundert man sich fast, dass sie einem Helmut Kohl standhielten, als er Jünger 1990 zusammen mit Spaniens Ministerpräsident Felipe Gonzales seine Aufwartung machte.

Dass da Büchermenschen lebten, ist fast jedem Raum anzusehen: Hier meterweise die Zeitschriften von Castrum Peregrini, da jede Menge entomologischer Fachliteratur, auf dem Treppenabsatz alles zu Seereisen und Schiffsuntergängen. In der Bibliothek dann die Philosophen – Nietzsche, Schopenhauer, Heidegger, Hamann – und die Dichter – Goethe, Hölderlin, Stendhal, Saint-Simon, Goncourt. Interessant ist, was nicht da ist: Kein Brecht, kein Grass, kein Böll oder Walser oder Handke. Auch nichts von Thomas Mann, wiewohl Jünger den „Zauberberg“ in frühen Jahren durchaus goutiert hatte. Kafka ließ er gelten, auch Benn. Aber ansonsten strafte er das Zeitgenössische mit Missachtung.

Doch was den Prominenten von einst verborgen blieb, kann der heutige Besucher des Dichterhauses sehen: das Schlafzimmer und das Bad. Voyeurismus? Ja und Nein. Für Thomas Schmidt, Leiter der Marbacher „Arbeitsstelle für literarische Museen“, der die Wiedereinrichtung des Jünger-Hauses wissenschaftlich betreut hat, ist die Öffnung ein bewusster Schritt vom Privathaus zum literarischen Museum: „Es sollte eben genau nicht so wirken, als ob Ernst Jünger im nächsten Moment wieder auf seinem Schreibtischstuhl Platz nehmen würde. Das Jünger-Haus ist ein Personen-Erinnerungsort. Es soll Jüngers Lebenswelt reflektiert wiederherstellen.“ Monika Miller-Vollmer, letzte Haushälterin und Vertraute des Ehepaars Jünger und heutige Kustodin, sieht das anders. Sie wäre glücklich, wenn der Herr Jünger sich einfach wieder an seinen Schreibtisch setzte und seufzt: „Ach, eine schöne Zeit!“

Der Blick in die privatesten aller Räume bietet Erstaunliches: Das spartanische Bett mit dem orange-grün gemusterten 70er-Jahre-Überwurf, die rosaroten Frotteevorhängchen im Bad – rührend. Auch Dichter sind offenbar nicht gefeit gegen die Geschmacksverirrungen der Moderne. Die andere Seite

Und noch etwas wird deutlich: Jüngers Humor. Die Tür zum Schlafzimmer ist übersät mit Aufklebern: „Ich bin Energiesparer“ steht da oder „Interdit aux moins de 18 ans“, und an der Badezimmertür prangt das Messingschild „Kommandant“. Überhaupt die Sache mit dem Bad: Bis ins hohe Alter soll Ernst Jünger jeden Morgen in eine Wanne mit kaltem Wasser gestiegen sein. Heute ist neben der Jüngerschen Wanne auf einem der blauen Textträger, die das Haus durchziehen, ein Zitat aus „Siebzig verweht“ zu lesen: „Das kalte Bad hat außer der therapeutischen Bedeutung auch eine Beziehung zur Moral und darüber hinaus zur Transzendenz.“

Weiß man mehr über Ernst Jünger, wenn man sich das Haus angeschaut hat? Ja, schon. Denn die Wohnung kann quasi wie eine weitere Quelle zu Leben und Werk dieses sperrigen, schwierigen Autors gelesen werden. Eine literarische Gedenkstätte ersetzt freilich nicht die Lektüre der Schriften, und sie ist nicht der Ort für die kritische Reflektion darüber, was das Ernst Jünger ausgelöst hat und auslöst. Platz für die Auseinandersetzung mit Werk und Rezeptionsgeschichte ist aber noch da. In den nächsten beiden Jahren wird die Dauerausstellung zu Ernst und Friedrich Georg Jünger überarbeitet. Sie wird dann im Erdgeschoss zu sehen sein.

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