Stuttgarter Schauspiel-Neustart mit zwei Stücken

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 Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ erzählt die tragische Familiengeschichte des Juden David Zimmermann und seines Sohnes Eitan (Marti
Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ erzählt die tragische Familiengeschichte des Juden David Zimmermann und seines Sohnes Eitan (Martin Bruchmann auf der Krankenliege), der sich in die Araberin Wahida (Amina Merai, rechts vorne) verliebt. (Foto: Matthias Horn)
Jürgen Berger

Die neue Stuttgarter Schauspielmannschaft setzt auf Autorentheater und Geschichten, in denen sich Zeitgeschichte spiegelt. Intendant Burkhard C. Kosminski macht dort weiter, wo er am Mannheimer Nationaltheater aufgehört hat und inszeniert die deutsche Erstaufführung eines Familiendramas, das den Nahostkonflikt spiegelt. Elmar Goerden legt mit der Uraufführung eines neuen Stückes von Clemens J. Setz nach, dessen dramatischer Erstling „Vereinte Nationen“ vor nicht allzu langer Zeit in Mannheim das Licht der Welt erblickte.

Beim Neustart eines Theaters wird die Frische der gerade angebrochenen Zeit in der Regel auch farblich signalisiert. Das Stuttgarter Schauspiel wartet mit Varianten der Farbe Grün auf, wie sie auf Wahlplakaten und Parteitagen der Grünen zu sehen sind. Man kann davon ausgehen, dass der amtierende baden-württembergische Ministerpräsident die Farbwahl der ersten Schauspielbühne seines Bundeslandes begrüßt. Sollte er eine der Eröffnungs-inszenierungen besuchen wollen, würden wir die deutsche Erstaufführung von Wajdi Mouwads „Vögel“ empfehlen. Winfried Kretschmann müsste allerdings Zeit mitbringen. Die Familientragödie des libanesisch-kanadischen Autors und Regisseurs zieht sich mit dreieinhalb Stunden etwas in die Länge, ist aber doch ein virtuoses Dialogstück, in dem die Tragödien und Verbrechen des Nahostkonflikts aufscheinen. Und ganz nebenbei zitiert Mouawad die dramatische Weltliteratur. Pate standen Sophokles „Ödipus“, Lessings „Nathan der Weise“ und Shakespeares „Romeo und Julia“.

So was muss man erst mal können: Per dialogischer Erzählstruktur derart elegant Geschichten und Geschichte transportieren, dass einzelne Passagen zwar durchaus pathetisch wirken können, dem geneigten Publikum das irgendwann aber völlig egal ist. Schließlich spannt Mouawad einen Erzählbogen vom Massaker in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila der 1980er-Jahre bis in die heutige Zeit der israelisch-palästinensischen Tötungsspirale.

Bei Mouawad, der 1976 mit seinen Eltern aus dem Libanon floh und nach der Zwischenstation Frankreich nach Kanada weiterzog, stehen Sabra und Shatila für den Ausgangspunkt einer tragischen Familiengeschichte. Im Zentrum geht es um den heute in Berlin verheirateten Juden David Zimmermann und dass das mit der Herkunft so eine Sache ist. David (Itay Tiran gibt dem deutsch-israelischen Familienvater den Geschmack eines verbitterten Menschen, der auf den Spuren von Ödipus wandelt) ist weder Jude noch in Israel geboren. Sein Vater Etgar (Dov Glickmann rückt die Figur in Nähe eines altersweisen Nathan) gehörte zu den israelischen Soldaten, die eines der verwüsteten Lager in Beirut durchsuchten. Er fand den Säugling und nahm ihn zusammen mit seiner Frau (Evgenia Dodina ist eine wunderbar sarkastische Lea) an Kindes statt an. Das Familiengeheimnis offenbart er erst gegen Ende des Stücks und ironischerweise dann, wenn der halsstarrige David eine Hassrede gegen die Araber losgeworden ist.

Eingebettet ist die zentrale Handlung in die Liebesgeschichte des Sohnes von David. Eitan begegnet in einer New Yorker Bibliothek Wahida, was Burkhard C. Kosminski ziemlich feinfühlig inszeniert. Martin Bruchmann ist ein noch junger Genetik-Wissenschaftler, der entdeckt, wie jungenhaft und euphorisch er in Gegenwart der Richtigen sein kann. Amina Merai spielt als Wahida eine junge Araberin, die sich so spontan verliebt, dass das israelisch-arabische Weltdrama noch keinen Schatten auf die junge Liebe werfen kann. Wajdi Mouawad entfaltet das in aller Sorgfalt und bis zum bitteren Ende. Burkhard C. Kosminski inszeniert schnörkellos, aber auch mit Mut zum Pathos in einem spartanischen Bühnenbild (Florian Etti). Große weiße Leinwände schweben auf und nieder. Sie sind Projektionsflächen für die Übertitelung einer Uraufführung, in der deutsch, englisch und je nach Herkunft der Akteure hebräisch und arabisch gesprochen wird.

Abweichung führt zu Problemen

Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Kompliziert ist eher, wie sich das so einfach anmutende Stück des Österreichers Clemens J. Setz entwickelt. „Die Abweichungen“ startet mit merkwürdigen Fundstücken und einem Selbstmord. Die Haushaltshilfe Jessika hat sich umgebracht und siehe da: Jessika war auch als Künstlerin unterwegs. Sie baute die Wohnungen ihrer Auftraggeber nach, als seien es kleine Puppenhäuser. In jeder Miniatur gibt es aber eine Abweichung. Ins Kinderzimmer des Lehrerhaushalts der Familie Kaindl etwa legte sie zwei anstatt eines Säuglings. Wird mit den Miniaturen der Reinigungskraft dann eine Ausstellung organisiert, werden diese Abweichungen publik und führen zu Verwerfungen in den betroffen Familien.

Clemens J. Setz hat einen Theatertext geschrieben, der das Grauen aufscheinen lassen will, das unter der dünnen Funktionalitätskruste bürgerlicher Haushalte aufscheinen kann. Genau dafür hatte Elmar Goerden aber wohl kein Gespür. Also plätschert der Setz-Text vor sich hin, wie Gebirgsbäche es zu tun pflegen, wenn die Landschaft nicht mehr ganz so abschüssig ist.

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