Stephen King wird 75: Der König des Horrors

Autor Stephen King
Autor Stephen King gilt als literarischer „König des Horrors“. (Foto: Evan Agostini / DPA)
Stefan Rother

Verborgene Ängste wecken ist sein Geschäft: Der „König des Horrors“, Stephen King, wird 75 Jahre alt. Mit mehr als 350 Millionen Exemplaren ist er seit Jahrzehnten Stammgast auf den Bestsellerlisten, doch es hat lange gedauert bis seine Werke – nach jüngster Zählung 64 Romane und mehr als 200 Kurzgeschichten – auch von der Literaturkritik ernst genommen wurden. Zu schnörkellos und leicht konsumierbar schien sein Stil, zu banal die Verweise auf Rockmusik, Konsumprodukte und Popkultur.

Dabei sorgen gerade diese für das, was King teils meisterlich gelingt: Zu zeigen wie der Horror, das Unbekannte in den ganz normalen Alltag von oft ganz normalen Menschen eindringt. Bezeichnenderweise handelt eine seiner frühen Kurzgeschichten aus dem Jahr 1972 von einem Wäschemangler, der von einem Dämon besessen ist und Fabrikarbeiter umbringt.

Stephen Kings erster Bestseller war „Carrie“

King studierte Englisch, arbeitete Anfang der 70er-Jahre zunächst als Englischlehrer, konnte davon aber kaum die Familie ernähren. In der wenigen Freizeit, die ihm blieb, schrieb er Kurzgeschichten. Ohne Erfolg. In einem Miet-Wohnwagen begann er schließlich mit dem Roman „Carrie“ – und war erstmal so unzufrieden mit dem Manuskript, dass es im Mülleimer landet. Seine Frau fischt es wieder heraus und ermutigt ihn, weiterzuschreiben. Die Geschichte über ein Mädchen mit telekinetischen Fähigkeiten, das beim Abschlussball durchdreht und sich an ihren Peinigern rächt, machte King berühmt.

Bücher des Bestsellerautors Stephen King: Der Meister des Grauens wird am 21. September 75 Jahre alt.
Bücher des Bestsellerautors Stephen King: Der Meister des Grauens wird am 21. September 75 Jahre alt. (Foto: J. Kalaene/dpa)

Dass der in den Büchern detailreich geschilderte Alltag in der Regel uramerikanisch ist, macht ihn angesichts des umspannenden Einflusses von US-Popkultur dennoch für eine globale Leserschaft nachvollziehbar. Das heißt nicht, dass King nicht auch in fremde Welten abtauchen kann – doch in der Regel sind diese mit der uns vertrauten über Portale verbunden.

Dabei geht es auch bei diesen Kontakten dennoch oft recht irdisch zu – im 2011 erschienenen hochgelobten Roman „Der Anschlag“ führt ein Zeitreiseportal von der Vorratskammer eines amerikanischen Imbisslokals zurück in das Jahr 1958. Der Besitzer hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht, indem er billiges Hackfleisch für seine in der Gegenwart verkauften Burger bezieht. Darüber hinaus reift aber auch der Plan zu einem ambitionierteren Vorhaben: Das Attentat an John F. Kennedy zu verhindern…

Stephen Kings neuestes Werk „Fairy Tale“ fügt sich in seinen Kosmos ein

Auch im soeben erschienenen Buch „Fairy Tale“ gibt es eine „Anderwelt“, in der ganz eigene Regeln gelten. Bevor man mehr von dieser erfährt, vergehen allerdings rund 250 der knapp 900 Seiten des üppigen Romans. Hier nimmt sich King reichlich Zeit seine Figuren einzuführen, nicht ohne natürlich in bewährter Weise Fährten zu legen und düstere Ahnungen in den Raum zu stellen. So entpuppt sich das von der Nachbarschaft als „Psycho-Haus“ verrufene Anwesen des Eigenbrötlers Mister Bowditch zunächst als recht harmlos und seine gefürchtete Schäferhündin Radar als liebenswerter Gefährte.

Zugang zu dem abgeschotteten Grundstück bekommt der 17-jährige Nachbarsjunge Charlie Read, als er an diesem vorbeifährt und lautes Bellen und Hilferufe hört: Bowditch ist von einer Leiter gestürzt und hat sich schwer verletzt. Andere hätten mit dem Rufen der Ambulanz ihre Pflicht als erledigt angesehen, aber Charlie hat eine Art „Deal mit Gott“ gemacht: Nach dem Unfalltod der Mutter war sein Vater zum Trinker geworden.

 Stephen King, US-Bestsellerautor, feiert seinen 75. Geburtstag. Der König des Horrors hat Millionen Fans weltweit. Seine Bücher
Stephen King, US-Bestsellerautor, feiert seinen 75. Geburtstag. Der König des Horrors hat Millionen Fans weltweit. Seine Bücher spiegeln den uramerikanischen Alltag wider. (Foto: Patrick Semansky/dpa)

Als dieser es tatsächlich schafft, mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken zu werden, nimmt sich Charlie vor, etwas Gutes zu tun. Und so kümmert er sich um den misstrauischen Menschenfeind und dessen bezaubernden Hund. Allerdings gibt es auch einen mit einem schweren Schloss gesicherten Schuppen auf dem Grundstück – und aus dem dröhnt schon sehr früh ein beängstigendes Geräusch, als ob etwas durch die Tür brechen wollte…

Stephen Kings Romane spielen auch soziale und politische Trends wider

„Und wovor fürchtete ich mich? Vor dem Unbekannten, denn das war das Furchterregendste, was es gab“ formuliert es Ich-Erzähler Charlie an einer Stelle von „Fairy Tale“. Und dieses Neugier weckende Prinzip funktioniert einmal mehr gut und hält den Leser auch während des geruhsameren Auftakts bei der Stange, während dem nebenbei eine Bindung zu den Figuren aufgebaut wird. Dann wird es dem Titel des Bandes entsprechend umso märchenhafter – ein Genre, das King bislang eher selten bedient hatte, etwa in seinem 1984er Buch „Die Augen des Drachen“. Sein Romanzyklus zum „Dunklen Turm“ ließe sich ebenfalls noch in dieser Gattung verorten.

King hat weiterhin sein Ohr am Puls der Zeit und weiß natürlich, dass Fantasy derzeit sehr angesagt ist – ebenso wie Kinder mit Superhelden-Fähigkeiten, denen er seinen 2019er Roman „Das Institut“ widmete. Und als sich der Siegeszug der Handys unaufhaltbar auszubreiten begonnen hatte, inspirierte das King 2006 zum Roman „Puls“, bei dem Menschen über das Mobiltelefonnetz in Zombies verwandelt werden. Wie jeder gute Horror spiegeln auch viele King-Romane soziale und politische Trends ihrer Zeit wider, wobei sich der überzeugte Demokrat regelmäßig mit dem konservativen Teil seiner Heimat anlegt. Zudem hat er im Laufe seiner Karriere mehrere Erzähluniversen geschaffen, zu denen sich zur Freude der leidenschaftlichen Leser oft Anspielungen finden – auch in Erzählungen, die nicht offenkundig dort angesiedelt sind.

Persönliche Erfahrungen spielen im Werk auch oft eine Rolle: So hatte King selbst einen schweren Autounfall und war, neben allerlei anderen Süchten, lange Zeit Alkoholiker. Zudem sind seine Hauptfiguren oft Autoren oder, wie er selbst vor Beginn seiner Karriere, Lehrer. Die denkwürdigsten Charaktere bleiben aber meist Kinder und Jugendliche. Sei es in „Es“, „Stand by me“ oder „Carrie“, allesamt erfolgreich verfilmt (was sich beileibe nicht über jede King-Adoption sagen lässt). Dieses Gespür für junge Hauptfiguren hat sich der Autor auch in seinen 70-ern bewahrt – und so begeben wir uns mit dem Teenager Charlie in „Fairy Tale“ gerne einmal mehr auf eine faszinierende Reise.

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