Sprechender Sprachatlas

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Leicht bedienbar: So sieht der Sprachatlas im Internet aus.
Leicht bedienbar: So sieht der Sprachatlas im Internet aus. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Wer ist wo „gwea“, wer „gsii“ und wer „gwääse“? Wo verläuft die Grenze zwischen dem schwäbischen und dem alemannischen Dialekt? Wo sagt man für „ich habe“ „i hau“ und wo „i han“? Das sind Fragen, die die Dialektforschung im Südwesten seit ihren Anfängen beschäftigen. Eines der renommiertesten Institute auf diesem Gebiet sitzt in Tübingen. Nun legt das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität einen Sprachatlas vor, der sprechen kann. Im Internet kann man unter der Adresse (www.sprachalltag.de) zum Beispiel hören, ob der Munderkinger oder der Untersigginger irgendwo „gwea“, „gsii“, „gsai“ oder „gwääse“ ist. Und eine Erkenntnis ist verblüffend: Das Schwäbische ist im Vormarsch, im Kreis Ravensburg und Friedrichshafen verdrängt es das Bodensee-Alemannisch.

200 Fragen, 57 Gewährsleute

Der Sprechende Sprachatlas von Baden-Württemberg ist ein auf drei Jahre angelegtes Projekt, das die Professoren Reinhard Johler und Hubert Klausmann am Ludwig-Uhland-Institut betreuen. Auf der Grundlage der Datenbestände und Karten des Südwestdeutschen Sprachatlas der Universität Freiburg und des Sprachatlas von Nord Baden-Württemberg der Universität Tübingen haben die Wissenschaftler 103 Karten entwickelt. Rudolf Bühler und Hubert Klausmann sind mit dem Aufnahmegerät durchs Land gefahren und haben an 57 Orten Tonbeispiele aufgenommen. In den zwei Jahren von 2015 bis 2017 haben sie Menschen getroffen, die als typische Sprecherinnen oder Sprecher ihrer Region gelten können. Allerdings warnen die Autoren vorsorglich: Man möge die Belege bitte nicht auf „100 Meter genau“ verorten. Es gehe vielmehr um „Flächenrelationen“.

Die Kulturwissenschaftler haben einen Katalog von 200 Fragen abgearbeitet: Gefragt wurde zum Beispiel nach Sachgebieten wie „menschlicher Körper“, „Verwandtschaftsbezeichnungen“, „Bekleidung“, „Haus und Haushalt“ oder „Natur“. Unter der Rubrik „Wortgeografie“ kann man dann die einzelnen Orte anklicken. Eine der einfachsten Karten ist die zum Wort „Pferd“, schreibt Hubert Klausmann in seiner Info, die jeder Karte beigegeben ist. „Im Norden und Osten sagt man in der Mundart Gaul, im Westen und Süden Ross.“ Kompliziert aber wird es beim Wort „Löwenzahn“. Da sieht die Karte mit den 20 verschiedenen Namen für die Pflanze wie ein bunter Flickenteppich aus. Da hätten die Farben kaum ausgereicht um alle unterschiedlichen Bezeichnungen von „Bettseicher“ in Stetten bis zu „Krottenblume“ in Bad Saulgau darzustellen, sagt Klausmann.

Der Dialekt ist ein reicher (Wort)-Schatz. Das zeigt sich an den vielen Namen fürs Weihnachtsgebäck: Die Crailsheimerin sagt Brötlich, die Dame aus Bingen bäckt Brötle, der Herr aus Jungingen dagegen Springerle. Aber aufgetischt werden im Land auch Gutsele, Bächtle, Plätzle, Zuckerdockele, Laible oder Busserle.

Gefragt wurde aber auch nach den Lautungen. Wie wird in unterschiedlichen Sprachräumen das „pf“ in Apfel ausgesprochen? Wo wird aus dem „Kind“ ein „Chünd“? Der Referenzwert ist immer das mittelhochdeutsche Wort. Zum Beispiel das û in Haus. Klickt man auf „Vokalismus, Kurzvokalismus“ so erfährt man: „Zu den klassischen Merkmalen des Schwäbischen gehört die Aussprache der Wörter Haus und Eis.“ Zwischen dem Ende des 12. und dem 16. Jahrhundert sei der alte, lange u-Laut diphtongiert worden. „So wurde aus dem Huus allgemein die Lautung Haus. Im Schwäbischen wird dieser Diphtong aber mit einem o-Laut am Anfang als ou ausgesprochen: Hous.“ Klausmann schreibt weiter, dass das Alemannische diesen Wandel hingegen nicht mitgemacht habe. „Man sagt dort also in unserem Fall Huus, wobei sich der Vokal in der südlichen Ortenau und im nördlichen Breisgau unter elsässischem Einfluss zu einem ü-Laut entwickelt hat: Hüüs.“

Vergleiche mit früher

Mit den Aufnahmen liegt nun eine aktuelle Bestandsaufnahme vor. In einem zweiten Schritt sollen diese neuen Dokumente mit den digitalisierten Altbeständen zusammengeführt werden. Denn das Ludwig-Uhland-Institut verfügt über einen reichen Fundus an Tondokumenten. Die haben die Wissenschaftler Hermann Bausinger und Arno Ruoff seit den 1960er-Jahren zusammengetragen. Diese Bestände werden gerade digitalisiert. Gott sei Dank möchte man sagen, denn so blieben sie von dem Brand verschont, der vor einem Jahr Archivbestände des Tübinger Instituts zerstört hat.

Das wirft eine weitere interessante Frage auf: Wie hat sich der Dialekt im Laufe der Zeit verändert? Gibt es Eigenheiten, die verschwinden? Welche neuen Wörter tauchen auf? Diese historische Entwicklung wird erst noch zu dokumentieren sein. Dennoch können die Tübinger schon eines feststellen: „Am Bodensee gewinnt das Schwäbische“, sagt Hubert Klausmann. Das See-Alemannische werde im südlichen Kreis Ravensburg und in Friedrichshafen sukzessive verdrängt. Warum das so ist? Die Antwort wird stolzen Alemannen nicht gefallen, aber Klausmann sagt: „Es setzt sich immer der Dialekt mit dem höheren Prestige durch.“ Dafür hat Klausmann ein anderes Beispiel: Der Dialekt im Hohenlohischen bleibe stabil. „Denn das Ostfränkische hat ein hohes Prestige.“

Honoratiorenschwäbisch

Apropos stabile Gebiete: Besonders gut erhalten sich Dialekte in Weinbauregionen. Dort hätten sie die wenigsten Veränderungen festgestellt. Dagegen würde in Metropolen und Ballungszentren der Dialekt immer mehr verschwinden: „Freiburg zum Beispiel ist heute quasi dialektfrei“, erklärt Klausmann. Teilweise würden sich aber auch neue dialektale Formen entwickeln. Ein gutes Beispiel hierfür sei der Ausdruck für haben. Während die schwäbische „Ur“-Form „i hau“ für „ich habe“ laute, habe sich in den Städten ein „i han“ herausgebildet. Den Städtern sei das „i hau“ der Älbler zu rau gewesen. Deswegen wohl habe sich das „vornehmere“ „i han“ allmählich etabliert. Auch bei der Partizipialkonstruktion ist eine schleichende Angleichung festzustellen. Auf der Karte zu „gehabt“ ist zu erkennen, dass das schwäbische „ghet“ oder lang „gheet“ dominiert. Doch auch hier zeigt sich, dass die Standardsprache „ghabt“ sich allmählich durchsetzt.

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