Rolf Waldvogel erläutert amüsante Besonderheiten der Sprache.
Rolf Waldvogel erläutert amüsante Besonderheiten der Sprache. (Foto: Rasemann)
Schwäbische Zeitung

Ravensburg (sz) - „Wir kommen zwischen den Jahren mal kurz bei Euch vorbei.“ So heißt es in der Weihnachtskarte, und der Adressat weiß, was ihm droht: Irgendwann zwischen 25. Dezember und 1. Januar werden Onkel Willi und Tante Lisbeth vor der Tür stehen. Aber woher kommt diese seltsame Formulierung zwischen den Jahren? Eines ist klar: Bei den Redensarten mit zwischen sind wir an Paradoxes gewöhnt. Da setzt sich jemand zwischen alle Stühle, was ja eigentlich nicht geht. Oder da liest man etwas zwischen den Zeilen, wo ja eigentlich nichts steht. Und nicht minder paradox klingt zwischen den Jahren. Aber es gibt Erklärungen.

Bei der Festsetzung des Jahreswechsels herrschte über lange Jahrhunderte ein Durcheinander. Für die Römer begann das neue Jahr zunächst am 1. März, weil da die hohen Beamten ihren Dienst antraten. Im 2. Jahrhundert wurde dieser Tag allerdings auf den 1. Januar vorverlegt. Die Christen wiederum feierten den Jahresbeginn am Tag der Erscheinung des Herrn oder Dreikönigstag, also am 6. Januar. Einen eigenen Geburtstag des Gottessohnes gab es nicht. Im 4. Jahrhundert wurde dann aber dieser Geburtstag eigens auf den 25. Dezember festgesetzt, kalendarisch damals noch der Tag der Wintersonnwende und gleichzeitig Fest des römischen Gottes Sol Invictus (Unbesiegte Sonne). Diese Symbolik des aufgehenden Lichtes ließen sich die frühen Christen nicht entgehen. Und später wurde auch der Beginn des Jahres an diesem 25. Dezember gefeiert. Erst im 17. Jahrhundert fixierte man den Neujahrstag in der christlichen Welt auf den 1. Januar. Also ein stetes Hin- und Herpendeln zwischen den Daten – oder im Volksmund zwischen den Jahren.

Die Redensart war wohl schon gebräuchlich, als sich eine weitere Lesart anbot. Schon im frühen Mittelalter hatten Gelehrte bemerkt, dass der von Julius Caesar eingeführte Julianische Kalender dem Jahreslauf der Sonne hinterherhinkte. Als diese Spanne im 16. Jahrhundert auf zehn Tage angewachsen war, forderten Astronomen endlich Konsequenzen. So wurde unter Papst Gregor XIII. 1582 eine Kalenderreform eingeführt und hierzulande vom Kaiser auch sofort abgesegnet. Auf Donnerstag, 4. Oktober, folgte schlichtweg Freitag, 15. Oktober. Damit blieben zwar die Wochentage unangetastet, aber alle Feiertage, die an Kalenderdaten festgemacht waren, kamen ins Rutschen – Weihnachten, Maria Lichtmess, Peter und Paul, Martini etc., aber auch Ostern und Pfingsten, weil sich beide Daten ja nach dem Frühlingsanfang am 21. März und dem darauf folgenden Frühlingsvollmond richten.

Allerdings legten sich die Protestanten allüberall quer, weil diese Neuerung von der verhassten katholischen Seite kam. Wie krass die Folgen waren, zeigt ein Beispiel aus unserer Region: Leutkirch war eine kleine evangelische Freie Reichsstadt, umgeben von habsburgisch-katholischem Land. So gingen dann immer die einen am Feiertag der anderen ihrem Handwerk nach. Weil aber der Landvogt Österreichs den Protestanten die Arbeit auf ihren Feldern vor den Stadttoren an katholischen Feiertagen verstärkt verbot und sie bei Missachtung ins Gefängnis steckte, gab der evangelische Rat schließlich nach 20 Jahren Reibereien zähneknirschend nach. Ab 1603 marschierten alle – wenigstens beim Kalender – wieder im Gleichschritt. Aber was es hieß, mit zwei Terminen für den Jahresbeginn leben zu müssen, hatte sich ihnen wohl tief eingeprägt.

Wir stehen gerade an der Schwelle zum großen Luther-Gedenkjahr. Zwischen unseren beiden großen Konfessionen gibt es immer noch Differenzen, aber angesichts der globalen Auseinandersetzungen im Zeichen des Glaubens sind diese Probleme marginal.

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