Sprachplauderei: Von wegen Wahrheit im Wein

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Von wegen Wahrheit im Wein
Von wegen Wahrheit im Wein (Foto: colourbox.de/hil)
Schwäbische Zeitung

Von Rolf Waldvogel

I riach an Wein scho kilometerweit… So sang einst Paul Hörbiger beim Heurigen. Derzeit hätte er allen Grund zum vorfreudigen Schnüffeln. Die Weinlese hat begonnen, und wenn die Anzeichen nicht trügen, so wird uns dieser sonnige Sommer im Nachgang herausragende Tropfen bescheren. Freunde des edlen Rebensafts schnalzen schon mit der Zunge. Was allerdings seltsam ist: Der Niederschlag des Weins in unseren Redensarten ist eher negativ.

Das fängt schon bei einem Spruch an, den jeder Weinliebhaber schnell zitiert – meist ohne lange darüber nachzudenken: In vino veritas, im Wein liegt Wahrheit. Das ist keinesfalls ein Lob für ein lauteres Getränk. Es heißt nichts anderes, als dass bei übermäßigem Genuss die Hemmungen fallen und man Dinge äußert, die zwar der Wahrheit entsprechen mögen, die man aber im nüchternen Zustand auf jeden Fall für sich behalten würde. Auch eine andere geläufige Redensart hat einen unangenehmen Hintergrund: Schenkt man jemandem klaren oder reinen Wein ein, so ist das keineswegs als noble Geste eines Gastgebers zu werten. Vielmehr sagt man seinem Gegenüber unumwunden die Wahrheit ins Gesicht – ob ihm das gefällt oder nicht.

Ein weiteres Beispiel, wie sich eine vermeintlich positive Seite des Weins schnell als Trugschluss erweisen kann: Kurz vor dem Abitur konfrontierten wir unseren verehrten Religionslehrer mit einem lateinischen Studentenjux. Qui bibit bene dormit; qui bene dormit non peccat; qui non peccat venit in caelum. Ergo: qui bibit venit in caelum. Auf deutsch: Wer trinkt, schläft gut; wer gut schläft, sündigt nicht; wer nicht sündigt, kommt in den Himmel. Also: Wer trinkt, kommt in den Himmel. Ob das nicht logisch sei, wollten wir von ihm wissen. Der Schlaf des Bezechten unterscheide sich diametral vom Schlaf des Gerechten, entgegnete er mit feinem Lächeln. So lernt man in der Schule fürs Leben.

Damit sind wir beim Kern der Sache. So sehr wir einen feinen Wein auch schätzen, so gut sind wir beraten, stets die möglichen Folgen zu bedenken. Wilhelm Buschs vielzitierter Zweizeiler Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben klingt für ebensolche alten Knaben zwar durchaus plausibel – man weiß, von was man redet. Aber ein Blick in die Knopp-Trilogie des Witzbolds aus Wiedensahl belehrt uns: Auch hier ist die Sache nicht so süffig wie zunächst gedacht. In besagtem Bor-deaux schwimmt Taubenmist ...

Diese tierische Note lässt uns noch an einen anderen alten Knaben aus k. u. k-seliger Zeit denken. Frohgemut nuschelte Hans Moser seine Erkenntnis: I muaß im frühern Lebn eine Reblaus gwesn sein. Von veganem Wein hatte er noch nie etwas gehört. Veganer Wein? Das ist zurzeit ein ganz großes Thema, aber wir lassen das jetzt. Sprachglossen sollten kein Schlachtfeld sein für Glaubenskriege.

Von Rolf Waldvogel

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