Sprachplauderei: Tollhäusler unter sich

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Sprachplauderei: Tollhäusler unter sich
Sprachplauderei: Tollhäusler unter sich (Foto: colourbox.de/hil)
Schwäbische Zeitung

Das ist Rabulistik in Reinkultur“, befand ein Rundfunkkommentator, als sich Englands Premierministerin Theresa May vor einigen Tagen zu den Brexit-Verhandlungen mit der EU ausließ. In der Tat. Sich hinzustellen und über die Phalanx der 27 gegen die armen Briten zu klagen, nachdem man ihnen zuvor beleidigt den Bettel vor die Füße geknallt hatte, das grenzt an Frechheit.

Schauen wir uns dieses nicht gerade alltägliche Wort Rabulistik einmal ein bisschen näher an: Ein Rabulist ist ein Mensch, der bei einer Diskussion durch allerlei Tricks versucht, Recht zu behalten, und auch vor der bewussten, verleumderischen Verdrehung der Tatsachen nicht zurückschreckt. Rabulistik gehört auf dem weiten Feld der Rhetorik zur Unterabteilung der Eristik, der Lehre vom Streitgespräch – Göttin der Zwietracht = Eris, sattsam bekannt aus Kreuzworträtseln. Die Kunst des Streits um des Rechthabens willen trieb schon die griechischen Philosophen der Antike um. Und im 19. Jahrhundert sann auch Arthur Schopenhauer über diese rhetorische Technik nach. „Die Kunst, Recht zu behalten“ nannte er eine Schrift, in der es nur darum ging, wie man aus einem Diskurs als Sieger hervorgehen kann – ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt der eigenen Argumentation oder gar auf die Fairness dem Gegner gegenüber.

Fairness ist ein gutes Stichwort im Zusammenhang mit Theresa May. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird die kommende Brexit-Debatte ohne jene doch so hochgelobte britische Eigenschaft des anständigen Umgangs miteinander über die europäische Bühne gehen. Und wenn man zudem weiß, dass das Wort Rabulistik von lateinisch rabies = Wut, Tollwut kommt und rabiat = wütend, tobend, gewalttätig zur selben Wortfamilie gehört, so beschleichen einen düstere Vorahnungen. Europa bald ein Tollhaus?

Leider passt das alles in unsere Zeit. Solche offensichtlichen Finten von Politikern steigern den Verdruss der Bürger darüber, vermeintlich ständig angelogen zu werden. Folglich wenden sie sich denen zu, die felsenfest behaupten, sie nicht anzulügen – und genau dieses dann doch tun. Ein Teufelskreis. Es gibt allerdings einen, der sich um all das keinen Deut schert: Donald Trump. Er ist Rabulist in eigener Sache. Um unangefochten Weltmeister in der Disziplin der Unberechenbarkeit zu bleiben, widerlegt er sich tagtäglich selbst.

Im Schwabenland wird in einem solchen Kontext immer Reinhold Maier zitiert. „Was goht mi mei saudomms Gschwätz vo geschtern a“, soll der erste Ministerpräsident von Baden-Württemberg einmal gesagt haben. Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer wird dieser Satz in den Mund gelegt – natürlich in Hochdeutsch: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!“ Allerdings ging das Zitat angeblich noch weiter: „Nichts hindert mich daran, weiser zu werden.“

Diese Erkenntnis würde man Trump gerne wünschen.

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