Sprachplauderei: Streuner und Strolche

Lesedauer: 4 Min
Sprachplauderei: Streuner und Strolche
Sprachplauderei: Streuner und Strolche (Foto: colourbox.de/hil)
Rolf Waldvogel

Das äußerst komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Hund, genauer: Kampfhund, treibt gerade die Republik um. Dabei tun sich auch Abgründe auf. Streifzüge im Internet fördern Haarsträubendes zutage. „Suche noch passende Namen für zwei Hunde, die zum Töten abgerichtet worden sind“, liest man da in einem Forum. Und kein Wunsch ist so pervers, als dass er sich nicht erfüllen ließe. So finden sich auch spezielle Portale, die starke Namen für starke Hunde auflisten – von Attila über Brutus, Diabolo, Herkules, Luzifer, Rambo, Spartakus und Titan bis Zeus. Fiffi und Struppi fehlen dagegen, auch Susi und Strolch. Die sind wohl zu niedlich.

Strolch ist übrigens ein recht interessantes Wort. Tramp heißt im amerikanischen Original jenes Disney-Zeichentrickfilms „Susi und Strolch“ von 1955 der herumstreunende Straßenköter, der dem verzärtelten Hundedämchen Lady den Hof macht. Und das ist mit Strolch nicht schlecht übersetzt. Denn – augenzwinkernd gesagt – lässt es an einen netten Schlingel denken, einen Frechdachs, einen Lausejungen. In der Regel steht Strolch allerdings für Schurke, Schuft, Halunke oder Gauner – also für ein sehr zweifelhaftes Individuum. Nicht zuletzt spricht man ja auch von einem Sittenstrolch, und da ist man fern von jeglicher Verniedlichung.

Bei der Frage nach der Herkunft dieses Wortes stoßen wir auf ein altes Phänomen in der Etymologie: Die Fachwelt ist sich nicht einig. Weil Strolch in der Bedeutung Landstreicher, Vagabund erstmals im 16. Jahrhundert in der Schweiz und in der südwestdeutschen Ecke auftaucht, ließe sich an eine alemannische Wurzel denken. In diesem Dialekt gibt es ein Wort strollen für umherstreifen. Und solchen nicht sesshaften Zeitgenossen traute man eben auch jede Lumperei zu.

Aus der altphilologischen Ecke kommt eine ganz andere Interpretation, die Anhängern von Horoskopen nicht gefallen dürfte: Astrologos nannten die Griechen der Antike den Sterndeuter, und dessen Beobachtung der Himmelsphänomene in Bezug auf das irdische Leben galt über Jahrhunderte als ehrenwertes Geschäft. Im christlichen Mittelalter aus religiösen Gründen stark angefeindet, wurde die Astrologie – im Gegensatz zu der streng mathematisch vorgehenden Astronomie – allerdings mehr und mehr als unseriös betrachtet. Weil sich mit dem Gang der Gestirne viel Geld machen ließ, kamen Astrologen als Scharlatane in Verruf. Und aus dem italienischen astrologo, wie man windige Sterndeuter unter den Gauklern in den Söldnerheeren der frühen Neuzeit nannte, soll sich dann unser Wort Strolch entwickelt haben.

Auf dem Höhepunkt der Affäre um Oskar Lafontaine 2004 hat der frühere Finanz- und Verteidigungsminister Hans Apel seinen damals Noch-SPD-Genossen als „politischen Strolch“ bezeichnet. Ob er mit dieser Deutung richtig lag, lassen wir jetzt einmal dahingestellt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen