Sprachplauderei: Knecht Poppelhans
Sprachplauderei: Knecht Poppelhans (Foto: colourbox.de/hil)
Rolf Waldvogel

Vor einer Woche ging es hier um den Begriff Populismus, der derzeit zum wohlfeilen Popanz zu verkommen droht. Da drängte sich manchem eine Nachfrage auf: Was ist eigentlich ein Popanz?

Hier die Definition des großen Fremdwörter-Dudens: „1.a) etwas, das aufgrund vermeintlicher Bedeutung, Wichtigkeit einschüchtert, Furcht oder Ärger hervorruft; b) (veraltet) Schreckgestalt, Vogelscheuche. 2. (abwertend) willenloses Geschöpf, unselbstständiger, von anderen abhängiger Mensch.“ So weit, so klar. Woher das Wort stammt, lässt das Nachschlagewerk allerdings offen. „Herkunft unsicher“, heißt es da lakonisch. Das sieht das Herkunftswörterbuch aus dem Haus Duden jedoch anders: Das schon vor 1600 im Osten Deutschlands aufgetauchte Wort sei wahrscheinlich tschechischen Ursprungs, abgeleitet von bubák = Schreckgestalt.

Das altbekannte Etymologie-Wörterbuch von Friedrich Kluge nimmt eine Entlehnung aus einem nicht sicher zu bestimmenden slawischen Wort an. Für das Lexikon aus der Edition Kramer wiederum ist die slawische Herkunft umstritten. Zum einen wird zwar eine Anknüpfung an tschechisch pobonek, pabonek, pabunek = Gespenst für möglich gehalten (wobei seltsamerweise dieses Wort bei Tschechisch-Sprechenden gar nicht bekannt ist). Andererseits sieht man aber auch eine Ähnlichkeit mit Boboz, wie in manchen deutschen Mundarten ein Schreckgespenst für Kinder heißt. Und genau diese Erklärung hat dann auch Eingang in Wikipedia gefunden.

Was lernen wir daraus? Die Etymologie, also die Ableitung von Wörtern aus den verschiedensten Wurzeln, ist ein sehr diffiziles Geschäft. Das Wort Etymologie – von griechisch étymos = wahr und lógos = Wort – bedeutet zwar so viel wie Erklärung der einem Wort innewohnenden Wahrheit. Aber was ist Wahrheit? Hier muss sie dann doch oft der Ungewissheit weichen. Denn das Aufspüren der verwinkelten Wege, die Wörter im Lauf ihrer Geschichte nahmen, kommt auch an Grenzen. In diesem Fall spricht zwar vieles dafür, dass Popanz zu den Wörtern gehört, die wir aus dem Tschechischen ins Deutsche entlehnt haben – wie Quark, Kren, Schmetten oder Zwetschge, Roboter, Pistole, Trabant oder Polka. Aber sicher ist das eben nicht.

Und was steht eigentlich im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm? Hier ihre Erklärung in stark verkürzter Form: Popanz –„eine vermummte und dadurch (den kindern, vögeln) schrecken einjagende gestalt“ – sei schon von anderen Wissenschaftlern in die zwei Wörter Puppe und Hans aufgelöst worden. Unter Poppelhans verstehe man einen sich vermummenden Hans. Und dann folgt ein Hinweis, der uns in diesen Tagen – am 6. Dezember kommt der Nikolaus – doch sehr befremdet. Pop-Hans stehe auch für Knecht Ruprecht, Kinderfresser. Knecht Ruprecht ein Kinderfresser? Das wollen wir doch im Interesse aller Beteiligten nicht hoffen.

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Schwäbische Zeitung, Kulturredaktion, Karlstraße 16, 88212 Ravensburg

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