Sprachplauderei: Kanon und Kanone

Lesedauer: 4 Min
Kanon und Kanone
Kanon und Kanone (Foto: colourbox.de/hil)
Rolf Waldvogel

Fundsache aus einem alten Buch mit Heiligenlegenden: In Byzanz lebte um 360 n. Chr. ein gefeierter Schauspieler namens Porphyrius. Als er vor dem Christenhasser Kaiser Julian die Anhänger Jesu nachäffen sollte, konnte er plötzlich nicht mehr spielen. Dann aber kam die Stimme zurück, und er pries lauthals das Christentum. Daraufhin ließ der Kaiser ihn hinrichten. Sein Gedenktag ist am 15. September, also heute. Mehr steht da nicht.

Durch dieses archetypische Mirakel neugierig geworden, kurvt man durchs Internet, und siehe da: Da findet sich wohl ein heiliger Porphyrius. Aber der war Einsiedler in Ägypten, wurde Bischof von Gaza in Palästina, bis er um 420 starb, und gefeiert wird er am 26. Februar. Von dem Mimen aus Byzanz keine Spur. Aber nicht genug der Verwunderung: Schaut man sich an, welche Heiligen für den 15. September in verschiedenen Heiligenviten und Kalendern auftauchen, so erstaunt die Fülle: Ludmilla von Böhmen, Oranna, Katharina von Genua, Aper, Nikomedes und Notburga von Hochhausen – Vollständigkeit nicht garantiert.

Der Grund liegt auf der Hand: Allein das Martyrologium Romanum der katholischen Kirche von 2004 nennt 6650 namentlich bekannte Heilige und Selige sowie 7400 nicht genauer zu bestimmende Märtyrer, also Personen, die für ihren Glauben starben oder die man für ihr vorbildhaftes christliches Leben verehrte, und die dann kanonisiert wurden. Und welche von ihnen in die Kalendarien gelangten, ist oft von Land zu Land, von Region zu Region verschieden.

Da bietet sich ein Exkurs an: Was hat eigentlich kanonisieren mit Kanone zu tun? Ganz einfach: Beide Wörter gehen auf dieselbe Wurzel zurück. Kanon hieß griechisch der Rohrstock, abgeleitet von kanna für Röhre. Und weil man damit gemessen hat, wurde Kanon zum Begriff für Richtschnur, Maßstab, Norm, Leitfaden, Vorschrift, Regel, Regelsammlung. So spricht man heute vom Kanon der biblischen Schriften oder vom Kanon der Literatur, vom Bildungskanon oder vom Formenkanon in der Kunst. Der Name Kanon für ein Musikstück mit genau geregelten Einsätzen kommt ebenfalls daher. Kanon steht zudem für das Kirchenrecht, und Kanonisierung oder Kanonisation ist die Aufnahme einer Person in das Verzeichnis der Heiligen.

Zurück zum Ursprung: Dieses Kanna für Röhre hat uns auch den Kanal beschert sowie die Kanalisation, aber auch die Kanne, weil Kannen bei den Römern oft eine Ausgussröhre hatten, und die Kannelur, wie man die Rillen an einem Säulenschaft nennt. Da schließlich eine Kanone nichts anderes ist als eine große Röhre, geht auch der Name für das Geschütz auf diese Quelle zurück.

Der Kannibale hat damit allerdings nichts zu tun. Das Wort canibales für Menschenfresser ist bei Columbus eine Nebenform von caribales, wie er die Bewohner der Antillen nannte – daher Karibik. Heute gebrauchen wir kannibalisch als Synonym für roh, brutal, grausam, schonungslos. Auf karibische Hurrikane wie Harvey und Irma trifft das alles zu.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen