Sprachplauderei: Hut ab!

Lesedauer: 4 Min
Hut ab!
Hut ab! (Foto: colourbox.de/hil)
Schwäbische Zeitung

Vor Kurzem stand wieder einmal ein netter, kleiner Fehler in diesem Blatt: „Da platzte der Grünen-Chefin Annalena Baerbock in Berlin die Hutschnur.“ Dass man sich über Bundesinnenminister Horst Seehofer derart aufregte, ließ sich durchaus nachvollziehen. Aber auch wenn diese Redewendung sehr oft auftaucht, sie ist schlichtweg schief. Entweder jemandem platzt der Kragen, oder es geht ihm etwas über die Hutschnur.

Das eine Bild leuchtet schnell ein: Wenn die Adern am Hals vor Zorn schwellen, wird der Kragen zu eng – und er droht zu platzen. Bei dem Bild mit der Hutschnur ist die Erklärung nicht ganz so einfach: Wahrscheinlich hat es mit der Vorstellung zu tun, dass jemandem das Wasser schon bis zum Hals reicht, und wenn es dann über das Kinn geht, also wo die Hutschnur verläuft, dann hält es der arme, geplagte Zeitgenosse nicht mehr aus – und er geht wie weiland das HB-Männchen in die Luft.

„Mann geht nicht ohne Hut“ hieß eine griffige Reklame noch bis in die 1950er hinein. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Seit Jahrzehnten hat der Hut – einst über Jahrhunderte ein wichtiges Statussymbol und später immerhin noch ein beliebtes Modeaccessoire – mehr und mehr an Bedeutung verloren. In unseren Redewendungen ist er aber immer noch sehr präsent. Schauen wir uns einmal einige Beispiele an und nähern wir uns aus gegebenem Anlass dem WM-Finale am Sonntag spaßeshalber mit dem Hut in der Hand.

Zunächst heißt es, vor den Franzosen und den Kroaten tief den Hut zu ziehen. Damit sie beide das Finale in Moskau erreichen konnten, mussten die Franzosen ja erst einmal ihrem belgischen Nachbarn eine auf den Hut hauen und dann die Kroaten den Fußballern von der englischen Insel. Vielleicht hat die jetzige Paarung aber auch ihr Gutes: Es ist ein alter Hut, dass eine gewisse Animosität zwischen Franzosen und Engländern herrscht und sie nicht viel miteinander am Hut haben – viel Zündstoff allemal.

Nun sind die beiden Trainer nicht zu beneiden, die vor einem so eminent wichtigen Spiel eine Erfolg versprechende Taktik aus dem Hut ziehen müssen. Wer ein bisschen Ahnung von Fußball hat, weiß, wie schwer es ist, elf Individualisten unter einen Hut zu bringen. Und die Tatsache, dass ein Teamchef in dieser Branche bei Misserfolg ganz schnell seinen Hut nehmen muss, ist ein alter Hut. Joachim Löw, der bei unserer Nationalmannschaft den Hut aufhat, blieb das jetzt erspart. Aber ihre Siegesträume hatten sich er und seine Kicker ja ohnehin früh an den Hut stecken müssen, worauf ganz Deutschland der Hut hoch ging.

Wie auch immer: Jetzt treten die Franzosen gegen die Kroaten an. Seien wir faire Zuschauer, und sagen wir am Sonntagabend – wer auch letztlich gewonnen hat – ganz einfach: Hut ab!

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen