Sprachplauderei: Hicks
Sprachplauderei: Hicks (Foto: colourbox.de/hil)
Rolf Waldvogel

Hägger, Hägger, / gang über de Necker, / gang über de Rhei, / fall mitte dre nei! Gedichte pflegen sich oft nicht auf Anhieb zu erschließen. So ist dieser Vierzeiler aus Hubert Klausmanns „Kleinem Dialektatlas“ zum einen nur zu verstehen, wenn man weiß, dass man im Schwabenland zum Schluckauf Hägger sagt. Zum anderen kommt hier die Psychologie ins Spiel, denn es handelt sich um einen alten Abwehrzauberspruch. Dreimal hintereinander aufgesagt, bei Anhalten der Luft, soll er den Schluckauf vertreiben – ab in den Rhein und fertig! Darüber mag mancher lächeln. Wer aber einmal über Tage hinweg vom Schluckauf geplagt wurde, kennt den Leidensdruck, der selbst zu den absonderlichsten Heilmethoden greifen lässt.

Uns interessiert hier zunächst die sprachliche Seite. Der lateinische Fachausdruck für den Schluckauf ist Singultus – abgeleitet von singulus (einzeln) und auf das Absondern vereinzelter Laute anspielend. Außerdem gibt es etliche mundartliche, vor allem lautmalerische Varianten. Sagen die Oberschwaben östlich etwa einer Linie von der Zwiefalter Alb bis zum Bodensee Hägger, so heißt es westlich davon Richtung Schwarzwald mit alemannischem Einschlag Gluggser, und die Schweizer reden vom Gluggsi. Aber manche haben dort auch den Higgsi, was wiederum dem Hicks aus unseren Witzen über Betrunkene nahesteht. Die Bayern nennen das lästige Phänomen Hetscher, die Franken Hädscher. Nicht weit vom Schluckauf entfernt ist der Schlickser, wie die Pfälzer sagen. Die Österreicher tanzen allerdings aus der Reihe: Bei ihnen hat man den Schnackerl – was man nicht mit Schnackseln verwechseln sollte, weil das eher etwas Unfeines ist, wie uns einst Fürstin Mariae Gloria von Thurn und Taxis lehrte.

Ein Blick ins Ausland: Auch dort wird vor allem gehickst. Hiccup sagen die Engländer, hikke die Norweger, hikka die Finnen, und Türken haben den hickirick. Die Franzosen leiden allerdings unter hoquet. Aber dieser dortige Wechsel vom i zum o verwundert nicht: In Frankreich schreien Hähne auch cocorico, bei uns Kikeriki.

Nun noch kurz zu Schluckauf-Therapien: Dreimal trocken schlucken, Gedichte aufsagen, an der Zunge ziehen, in eine Tüte atmen, auf dem Kopf stehend ein Glas Wasser trinken – die Bandbreite der Hausmittelchen dokumentiert die Hilflosigkeit im Umgang mit der tückischen Zwerchfellreizung. Hier noch ein privater Nachtrag: Nach durchwachter Nacht und gefühlten tausend Hicksern wähle man gegen fünf Uhr die ultimative Säure-Kälte-Schock-Variante: eine Mandarine aus dem Kühlschrank holen, reinbeißen und auf einen Satz verschlingen – und aus ist es mit der Hickserei.

Ein Skat-Freund, gebürtiger Biberacher, hatte sofort noch einen anderen Tipp parat. Die Luft anhalten und dreimal aufsagen: Hägger, Hägger, / spring über d‘ Äcker, / spring über de Rai, und komm nemmer hei! Was lernen wir daraus? Der Neckar fließt nicht durch Oberschwaben.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen