Späte Ehrenrettung von Zykan/Novotnys „Staatsoperette“ bei den Bregenzer Festspielen

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Schwäbische Zeitung
Ingrid Grohe

Von den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs, die in die Verheerungen des Zweiten mündeten, erzählt das Musiktheater „Staatsoperette“ von Otto M. Zykan und Franz Novotny. Bei den Bregenzer Festspielen erntete die Uraufführung, eine Co-Produktion mit der Neuen Oper Wien, stürmischen Applaus.

Die Welt ist in Schieflage. Alles schaut zwar ganz gemütlich aus – aber nichts stimmt mehr so recht. Das schnuckelige Zimmer steht kopf, Lampen hängen verkehrt herum, Türen krachen aus den Zargen, wenn jemand sie durchschreitet. Nicht mal die Musik tönt so, wie man es gewohnt ist im ewig singenden, klingenden Österreich. Hier braut sich was zusammen. Hier ziehen Potentaten Strippen, hier fürchtet man um allerhand: Heimat, Gerechtigkeit, Frieden. Die Leute haben vor dem Ausland Angst – und vor dem anderen Lager. Die Lager, das sind: die Linke und die Rechte. Und so kommt es, dass die Saat des zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg in ganz Europa grassierenden Faschismus in Österreich eine bizarre Blüte treibt: den Austrofaschismus.

Als Fernsehfilm war die „Staatsoperette“ 1977 zu sehen. Ein einziges Mal nur – nachdem sie einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte, weil sich Kirchenmänner, Politiker und Lobbyisten verunglimpft sahen. Über die Deutung jener Epoche herrscht in Österreich bis heute keine Einigkeit. Die Inszenierung des Stücks vom Komponisten Otto M. Zykan (1935 bis 2006) und Autor Franz Novotny (geboren 1949) kommt als Geschichtsstunde daher. Ein Kommentator erläutert die Chronologie der Ereignisse.

Auf das rot-weiß-rote Bühnenbild projizierte Comic-Videos stellen das Personal dieses Dramas vor, das in Satire verpackt irgendwie besser verdaulich ist: Da gibt es Vertreter des Adels (Fürst Starhemberg), der Kirche (Prälat Ignaz Seipel), der Arbeiterschaft (Koloman Wallisch) und der rechten Heimwehr (Walter Pfrimer). Da mischt der diktatorische Kanzler Kurt Schuschnigg ebenso mit wie sein nicht unähnlich agierender Vorgänger Engelbert Dollfuß. Die Despoten Mussolini und Hitler schielen machtgierig nach dem Alpenstaat. Und das Volk? Es spielt eine Nebenrolle – freilich eine wesentliche: Wer sonst soll den ganz oben ausgeheckten Bürgerkrieg anzetteln und unten in Straßenkämpfen die Zielscheibe abgeben?

Die „Staatsoperette“ ist ein bitteres Stück. Mit beißendem Sarkasmus sezieren Zykan und Novotny eine Entwicklung, die in mancher Hinsicht Parallelen zum Jetzt aufweist. Der Bregenzer Regisseur Simon Meusburger verleiht dem Fürsten Starhemberg Attribute des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Mancher Satz erinnert Festspielintendantin Elisabeth Sobotka an einen derzeit die Medien beherrschenden Autokraten am Rande Europas.

Der Ungeist der Geschichte

Welch böse Geister die Geschichte des Austrofaschismus vorangetrieben haben, verdeutlichen die von Nikolaus Habjan geschaffenen Puppen, die parallel zu den wichtigsten Protagonisten das fiese Ränkespiel befeuern. Und die beredte Musik, die sich ungeniert mal bei Strauss, mal bei Schubert, aber auch bei Beethoven und Kreisler bedient, erzählt die erbärmliche Geschichte zwischen eierndem Walzer und stampfendem Marsch gleich mit. Beachtliches leisten die Darsteller beim Singen und Puppenspielen; der Wiener Kammerchor und das Amadeus Ensemble Wien hängen sich mit Leidenschaft in die komplexe Partitur, in der das Schlagwerk und in Halbtönen absteigende Linien eine wichtige Rolle spielen.

Der Applaus gilt der künstlerischen Leistung ebenso wie dem Anliegen, ein in Österreich zu wenig besprochenes Thema wieder einmal auf den Tisch zu bringen. Die Staatsoperette war überfällig.

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