„Sommerlicht“: Neue Ausstellung in Achberg

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Malerisch raffiniert sind die Kahn-Bilder von Leo Putz, wie hier „Stille Zeit“ von 1910.
Malerisch raffiniert sind die Kahn-Bilder von Leo Putz, wie hier „Stille Zeit“ von 1910. (Foto: Schloss Achberg)
Schwäbische Zeitung

Sie waren Profis im Kunstgeschäft und wollten um 1900 herum mit gemeinsamen Ausstellungen ihre Marktchancen verbessern: die Künstler der Gruppe „Scholle“. In ihren Werken griffen sie Stilelemente vom Impressionismus bis zum Jugendstil auf und schufen lichtdurchflutete, sinnliche Bilder. Der bei Publikum und Sammlern beliebteste Maler der Gruppe war Leo Putz (1869-1940). Unter dem Titel „Sommerlicht“ sind ab heute auf Schloss Achberg rund 80 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Putz und seinem Kreis zu bewundern. Ein gelungener Start in die Sommersaison.

Frauen – Leo Putz liebte sie. Und er malte sie – bevorzugt nackt. Sorgfältig inszenierte er das Sonnenlicht mit Reflexen auf der bloßen Haut. Akte, Tee eingießend im Atelier, sich auf der Picknickdecke räkelnd oder im Ruderboot liegend, machten den Maler dann auch berühmt. Putz, Sohn eines Meraner Bürgermeisters, war schon als 16-Jähriger aus Südtirol zum Kunststudium nach München gekommen.

Der junge Mann war mit seiner langen Nase kein Schönling, hatte aber offensichtlich Charme und Witz, wie es im Katalog heißt. Zugleich war er ein Rebell. So verursachte er mit seinem Bild „Bacchanal“ (1905) auf der IX. Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München einen Skandal. Denn da tummeln sich nackte Damen lustvoll mit Bären, Leoparden, Flamingos und anderem Getier. Das Gemälde wurde prompt wegen Gefährdung der Sittlichkeit von den Behörden abgehängt – und Putz von da an umso mehr beachtet.

Künstler wurden gefeiert

Leo Putz, das zeigt die Ausstellung in Achberg, verstand das Publikum zu unterhalten. Sein großes Vorbild war der französische Impressionist Edouard Manet, dessen Werk er bei einem Studienaufenthalt in Paris kennenlernte. Doch während die Wegbereiter der Moderne mit ihrer Malerei anfangs sehr umstritten waren, wurden Putz und sein Kreis wenige Jahre später in München gefeiert. Die malerische Raffinesse mit prickelnder Atmosphäre, die leuchtenden Farben voller Lebenslust kamen bei den Sammlern gut an. Heute erzielen die Werke von Putz auf Auktionen Summen von bis zu 200 000 Euro. In Zeiten der MeToo-Debatte stimmen besonders seine Akte nachdenklich, in denen er die Frauen als Objekt in Szene setzte und den Voyeurismus der Männer bediente.

Aber der Maler konnte auch anders. Die schöne Frau Gusti zum Beispiel war sein Modell für die elegant gekleidete „Dame in Blau“ (1908), die sich in verträumter Pose auf einer Chaiselongue vor dem Spiegel präsentiert. Schließlich wollte der Tiroler Künstler, der 1909 Professor wurde, auch als Porträtist das Vertrauen der Kundschaft gewinnen.

Seine Mitstreiter von der „Scholle“ waren nicht annähernd so talentiert wie Putz. Dennoch unterstützte man sich gegenseitig, stellte zusammen aus, belieferte die Zeitschrift „Die Jugend“ mit Texten und Illustrationen. Es gab allerdings weder ein Programm noch einen gemeinsamen Stil. Die zwölfköpfige Künstlergruppe hatte „keine andere Marschroute und Parole als die Forderung an ihre Mitglieder, dass jeder seine eigene Scholle bebaue, die freilich auf keiner Landkarte zu finden ist“, heißt es 1903 in einem Artikel in der „Jugend“. Sprich, jeder machte sein eigenes Ding. Der Rundgang durchs Schloss, der thematisch gruppiert wurde, zeigt zahlreiche Beispiele für die Vielseitigkeit der Gruppe.

Leihgaben stammen aus Meran

Da ist etwa Max Feldbauer, der seine „Miesbacherin“ (1905), eine stämmige Bayerin in bunter Tracht, mit flottem Pinselstrich auf die Leinwand bannte. Ein feines Gespür für Farben beweist Adolf Franz Theodor Münzer mit seinem stimmungsvollen „Apfelstillleben“ (1909) im Stil von Paul Cézanne, während Walter Püttner mit seinem melancholischen „Interieur mit Fenster“ (1904/05) für klar strukturierte Kompositionen steht. Erich Erler wiederum knüpfte stilistisch an Giovanni Segantini an. Ein Beispiel dafür ist „Im ersten Grün“ (1900), das eine Ziegenhirtin in den Engadiner Bergen zeigt.

Genug der Beispiele. Ein Teil der rund 80 Exponate, die alle aus der Sammlung des Meraner Unternehmers für Städteplanung, Siegfried Unterberger, stammen, gastierte vor knapp zehn Jahren schon einmal in der Region – genauer gesagt im Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm sowie in der Kunststiftung Hohenkarpfen. Das eine oder andere Gemälde könnte dem Besucher also bekannt vorkommen. Aber es gibt in Achberg auch viel Neues zu entdecken. Abgesehen davon treten die Ausstellungsstücke im Schloss mit seinen Ausblicken ins Freie ganz wunderbar in einen Dialog mit der Umgebung: Draußen bricht sich das Sonnenlicht auf den Blättern der Bäume; drinnen im Saal tauchen bei Putz’ „Frühstück im Freien“ (1907) gemalte Lichtflecken auf Tischdecke, Teekanne und Tassen auf.

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